Portal für Politikwissenschaft

Michael Haller / Martin Niggeschmidt (Hrsg.)

Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2012; 212 S.; brosch., 29,95 €; ISBN 978-3-531-18447-0
Warum – so fragen die Herausgeber – hat kaum jemand der Rezensenten in dem von Sarrazin positiv herangezogenen Werk „Genie und Vererbung“ von Francis Galton auch nur geblättert? „Mit seinem Verweis auf den Eugeniker Galton hat Sarrazin eine historisch überkommene Zukunftsprognose wiederbelebt, die sich längst als unzutreffend erwiesen hat. Dass die Medien diesen Hintergrund übersehen […] haben, gehört zu den Absurditäten der Diskurs-Inszenierung um den Bestseller ‚Deutschland schafft sich ab‘.“ (12) In den zehn Beiträgen des Bandes, die in drei Kapitel gegliedert sind, sehen die Beitragenden genauer hin. Im Kapitel „Causa Sarrazin oder der Mißbrauch der Wissenschaft“ wird in drei Beiträgen den von Sarrazin explizit wie implizit benutzten Quellen nachgegangen. Im zweiten Teil sind vier Texte der Frage des Zusammenhanges von Intelligenz, Bildung und Vererbbarkeit gewidmet. Sander L. Gilman zeigt beispielsweise, wie Sarrazin das „Klischee vom intelligenten Juden“ (71) aufwärmt und kommt zu dem Schluss: „So, wie die ‚muslimischen Migranten‘ für Sarrazin zu dumm sind, um Bürger zu werden, waren den Nazis die Juden zu schlau, um Bürger zu bleiben“ (83). Im dritten Kapitel über den „Hintergrund: Der Streit um die ‚natürliche‘ Ordnung der Gesellschaft“ werden in drei Beiträgen Sarrazins Positionen auf einen weiteren Diskurshintergrund bezogen. So ordnet Thomas Etzemüller Sarrazins Thesen in die alte Diskussion um den „Abstieg“ ein: Abgesehen von zeitgebundenen Spezifika ging und geht es Autoren wie Malthus, Burgdörfer u. a. wie Sarrazin um das gleiche Programm, „das auf die soziale Hierarchisierung der Gesellschaft, auf soziale Distinktion des Bürgertums und auf die Verfügbarmachung von Menschen für die (post-)industrielle Wirtschaftsordnung zielt“ (181). Insgesamt verdeutlichen die Beiträge der dreizehn Autoren dieses interdisziplinären Sammelbandes anschaulich die empirischen Fehler, methodischen Mängel und dubiosen Referenzen des vielgekauften Bestsellers.
Christoph Kopke (CKO)
Dr. phil., Dipl.-Pol., wiss. Mitarbeiter, Moses Mendelsohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.35 | 2.37 | 2.23 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Christoph Kopke, Rezension zu: Michael Haller / Martin Niggeschmidt (Hrsg.): Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Wiesbaden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/21757-der-mythos-vom-niedergang-der-intelligenz_42075, veröffentlicht am 28.06.2012. Buch-Nr.: 42075 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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