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Wie funktioniert De-Radikalisierung?
Ein Überblick über Analysen und Erkenntnisse

Mit dieser Übersicht werden Aufsätze, Online-Publikationen sowie Forschungsinstitute und -vorhaben zur De-Radikalisierung islamistischer Gewalttäter in der arabischen Welt vorgestellt. Im Mittelpunkt steht zumeist die von der Forschung noch nicht hinreichend geklärte Frage nach dem Erfolg von DbIED - Donkey based Improvised Explosive Device, AfghanistanDe-Radikalisierungsmaßnahmen und den damit verbundenen Anforderungen an derartige Programme. Problematisiert wird etwa, ob sich dschihadistische Extremisten überhaupt von ihren ideologischen Grundhaltungen abbringen und nachhaltig in ein ziviles Leben eingliedern lassen. Ungenaue Begrifflichkeiten und häufige Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit der untersuchten De-Radikalsierungsprogramme erschweren dabei die Beurteilung ihrer Effektivität. Damit sind gleichzeitig neue Forschungsfragen und Herausforderungen an die wissenschaftliche Begleitung und Evaluierung verbunden. Thematisiert werden ferner die Schwierigkeit des Vergleichs und die eingeschränkten Möglichkeiten, übergeordnete Prinzipien und Strukturen für De-Radikalisierungsprojekte herauszuarbeiten. Ob dies gelingt, hat Auswirkungen auf die transnationale Zusammenarbeit in diesem Bereich, um deren Grenzen und Chancen es beispielsweise in einer Artikelserie des US-amerikanischen Middle-East-Institutes geht.

1. Aufsätze, Berichte und Kommentare
2. Forschungsinstitute und -aktivitäten
3. Online-Fachzeitschrift


1. Aufsätze, Berichte und Kommentare (in alphabetischer Reihenfolge)

Dina Al Raffie (2015)
Straight From the Horse’s Mouth: Exploring Deradicalization Claims of Former Egyptian Militant Leaders
In: Perspectives on Terrorism, Vol. 9 No. 1: 27-48
http://www.terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/400/793
Dina Al Raffie stellt die herkömmliche Ansicht über De-Radikalisierungserfolge in Ägypten infrage. Sie hat revisionistische Texte von ehemals inhaftierten Islamisten analysiert und sieht keinerlei Beleg für eine Re-Radikalisierung auf der ideologischen Ebene.

Omar Ashour (2008a)
De-Radicalization of Jihad? The Impact of Egyptian Islamist Revisionists on Al-Qaeda
In: Perspectives on Terrorism Volume II, Issue 5: 11-14
http://www.terrorismanalysts.com/pt/index.php/pot/article/view/36
Omar Ashour differenziert in seiner Betrachtung von De-Radikalisierungsprozessen in Ägypten zwischen den drei Dimensionen Verhalten, Organisation und Ideologie.

Omar Ashour (2008b)
Islamist De-Radicalization in Algeria: Successes and Failures
Policy Brief 21/November 2008, Middle East Institute
http://www.mei.edu/content/islamist-de-radicalization-algeria-successes-and-failures
In einer vergleichenden Analyse von zwei De-Radikalisierungsprozessen in Algerien geht der Autor den Gründen für deren Erfolg beziehungsweise Misserfolg nach.

John Horgan / Kurt Braddock (2010)
„Rehabilitating the Terrorists? Challenges in Assessing the Effectiveness of De-radicalization Programs”
In: Terrorism and Political Violence (March): 267-291
http://www.start.umd.edu/sites/default/files/files/publications/Derad.pdf
Vorgestellt werden Ergebnisse einer einjährigen Pilotstudie, in der anhand ausgewählter De-Radikalisierungsprogramme der Frage nach der Bewertung der Effektivität der Maßnahmen nachgegangen wurde.

Zeynep Kaya (2016)
Letting Go: De-radicalization in Egypt
In: JD Journal for Deradicalization 6: 87-104
http://journals.sfu.ca/jd/index.php/jd/article/view/44/39
Zeynep Kaya setzt sich in ihrem Beitrag mit den Zielen von und Anforderungen an eine De-Radikalisierung innerhalb terroristischer Organisationen in Ägypten auseinander.

Christine-Felice Röhrs (2016)
Kindersoldaten: Eine Zukunft nach den Taliban. Wie deradikalisiert man Jugendliche?
In: Zeit-Online, 11. August
http://pdf.zeit.de/politik/ausland/2016-08/kindersoldaten-taliban-programm-deradikalisierung-pakistan.pdf
Bericht über ein kleines De-Radikalisierungsprogramm für Kindersoldaten im Swat-Tal in Pakistan.

Katherine Seifert (2010)
Can Jihads be rehabilitaded?
In: Middle East Quarterly Spring 2010: 21-30
http://www.meforum.org/2660/can-jihadis-be-rehabilitated
Die Autorin wirft einen kritischen Blick auf staatliche Programme zur Rehabilitierung von islamistischen Gefangenen in Ägypten, Jemen und Saudi-Arabien, die primär auf das Instrument der theologischen Debatte setzen, und zieht vergleichend das darüber hinausgehende US-Programm TaskForce 134 im Irak heran. Zudem kontrastiert sie diese Programme in muslimisch geprägten Ländern mit Ansätzen in Singapur, Kanada und Großbritannien.

2. Forschungsinstitute und -aktivitäten

Middle East Institute / Fondation pour la Recherche Stratégique:

“Understanding Deradicalization: Pathways to Enhance Transatlantic Common Perceptions and Practices.”

Dieses Projekt wurde vom Middle East Institute (USA) zusammen mit der Fondation pour la Recherche Stratégique (Frankreich) initiiert.
Ziel war es, Leitlinien, Prinzipien, Prioritäten und Praktiken der De-Radikalisierung in Europa und den USA vergleichend zu analysieren und Möglichkeiten der transatlantischen Zusammenarbeit herauszuarbeiten. Die Forschungen beschränkten sich nicht auf den Dschihadismus, er stand aber im Mittelpunkt der Analysen. Aus dem Projekt ist eine Artikelserie hervorgegangen, die das Middle East Institute im Jahr 2015 veröffentlicht hat:
http://www.mei.edu/content/article/understanding-deradicalization-pathways-enhance-transatlantic-common-perceptions-and-practices

Explizit Bezug auf die arabische Welt nimmt darin Andreas Casptack, der das De-Radikalisierungsprogramm von Saudi-Arabien betrachtet:

http://www.mei.edu/sites/default/files/Casptack.pdf

 

START: National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism

START ist ein universitäres Forschungs- und Bildungszentrum. Es wird getragen von einem internationalen Netzwerk von Wissenschaftler*innen, die sich mit der Erforschung von Ursachen und Konsequenzen des Terrorismus in den USA und weltweit befassen. (http://www.start.umd.edu/about/about-start).

Mehrere Forschungsvorhaben befassen sich mit dem Thema „Radikalisierung und De-Radikalisierung“, so etwa das Projekt Deradicalization of Extremists an der University of Maryland. Im Zeitraum von 2012 bis 2017 wurden die Gründe für Radikalisierung sowie die Bestimmungsfaktoren für eine erfolgreiche De-Radikalisierung erforscht.
http://www.start.umd.edu/research-projects/deradicalization-extremists

Aus diesem Projekt ist unter anderem der folgende Aufsatz hervorgegangen:

Arie W. Kruglanski, Michele J. Gelfand, Jocelyn J. Bélanger, Anna Sheveland, Malkanthi Hetiarachchi, Rohan Gunaratna (2014)
The Psychology of Radicalization and Deradicalization: How Significance Quest Impacts Violent Extremism.
In: Political Psychology, 35: 69-93. doi: 10.1111/pops.12163
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/pops.12163/abstract
Darin wird ein Modell vorgestellt, das auf die Bedeutung der Persönlichkeit für die Motivation zur Gewalt abhebt und drei zentrale Komponenten für eine Radikalisierung umfasst: den individuellen motivationalen Aspekt, die ideologische Komponente sowie Gruppendynamiken und soziale Prozesse.

 

Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam

Das Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) ist eine am Exzellenzcluster Normative Ordnungen angesiedelte Forschungseinrichtung an der Universität Frankfurt. Ziel ist die Erforschung politscher und kultureller Entwicklungen und die damit verbundenen Konfliktdynamiken in der arabischen Welt sowie deren Auswirkungen für Deutschland. Das FFGI versteht sich als Thinktank, der universitäres Wissen in die Gesellschaft tragen möchte und veranstaltet zu diesem Zweck regelmäßig Konferenzen und Diskussionsrunden.
http://www.ffgi.net/zentrum.html

Das Thema De-Radikalisierung war im Juli 2015 Gegenstand einer Konferenz mit dem Titel „Islamischer Extremismus – Prävention und Deradikalisierung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“. Neben verschiedenen Ansätzen der Prävention in Europa und den USA ging es in einem Vortrag um Deradikalisierungsmaßnahmen in Pakistan:

Muhammad Amir Rana (PK):
Deradicalisation Efforts in Pakistan: Developing a Conducive Environment to Reintegrating Militant Islamist Groups and Individuals / Deradikalisierungsmaßnahmen in Pakistan: Schaffung eines förderlichen Umfeldes zur Reintegration militanter islamistischer Gruppen und Individuen.
http://www.ffgi.net/mediathek-p1.html#1730_rana
Video eines Vortrags, den der Autor im Rahmen der Konferenz: „Islamischer Extremismus – Prävention und Deradikalisierung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ am 3. Juli 2015 gehalten hat.
©: Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam. 2014-2016.

 

3. Online-Fachzeitschrift


JD Journal for Deradicalization:

Das Journal for Deradicalization (JD) ist eine begutachtete und frei zugängliche Fachzeitschrift zur Theorie und Praxis der (De-)radikalisierung, die vierteljährlich erscheint. Sie versteht sich als politisch unabhängige Online-Plattform „zum Austausch für etablierte Experten, Wissenschaftler, Politiker und Praktiker im Bereich Terrorismusbekämpfung, politischer Gewalt, Konfliktstudien und Deradikalisierung“ (Eigendarstellung auf der Website). Herausgegeben wird das Journal von der Modern Security Consulting Group (MOSECON) GmbH mit Sitz in Berlin.
http://www.mosecon.com/de/das-journal-for-deradicalization-jd/

Zusammengestellt von:

Anke Rösener

Erschienen am:

22. Februar 2017

Aus der Forschungslandschaft

Radikalisierung. Forschung für die Praxis

Nicht erst mit der Genese des „Islamischen Staates“, aber beschleunigt durch dessen auf Diaspora-Muslime ausgerichtete Anwerbestrategie, gewinnen Forschungen im Bereich der Radikalisierung und De-Radikalisierung zunehmend an Bedeutung und politischer Relevanz.
Mit diesem Überblick werden ausgewählte Forschungseinrichtungen kurz vorgestellt.
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