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Alexandra Kollontai: Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin

Barbara Kirchner

Alexandra Kollontai: Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin

Hamburg: LAIKA Verlag 2012 (marxist pocket books 3); 104 S.; 8,50 €; ISBN 978-3-942281-32-4
Die Reihe der Marxist Pocket Books verspricht die Neuauflage sozialistischer Klassikertexte, gepaart mit einer zeitdiagnostischen Einführung in Relevanz und Aktualität des jeweiligen Gedankenguts. Diesem Anspruch wird Barbara Kirchners Heranführung an Alexandra Kollontais Autobiografie vollends gerecht, wenn sie deren radikalfeministisches Selbstverständnis mit den verkürzenden Debatten um Frauenquoten und Herdprämien unserer Tage kontrastiert. Die Unterdrückungsmechanismen, die Kollontai bereits in den 1920er‑Jahren scharfsinnig entlarvt, scheinen sich in heutiger Perspektive keinesfalls erledigt, sondern vielmehr subtil und scheinheilig potenziert zu haben. Die romantische Liebe als Deckmantel der Privatisierung des Elends lässt eine allgemeine gesellschaftliche Forderung nach Solidarität und Liebe zur individuell zu verantwortenden Lieblosigkeitsproblematik werden, vom tiefen Glauben geprägt, das Glück sei daran gebunden, „den Einzigeinen zu finden“ (33). Kollontai setzt dem schon zu ihrer Zeit „die unbedingte Entschlossenheit“ entgegen, „die eigene Glückssehnsucht als Aufforderung zu verstehen, für die allgemeine Freiheit von Unterdrückung, Ausbeutung, Ausgrenzung, Anomie und Warenförmigkeit der menschlichen Beziehungen zu kämpfen“ (21). Ihre biografischen Aufzeichnungen zeugen von diesem Selbstanspruch, den sie von ihrem adeligen Elternhaus ins politische Exil und schließlich als die erste Frau in die Sowjetregierung trug. Dass dieser Weg – wie der der Russischen Revolution – keineswegs widerspruchsfrei sein konnte, lässt sich daraus ebenso nachvollziehen, doch tut dies der Stärke ihrer Haltung wenig an. Vor der Liebe und der diktierten Privatheit steht ihre politische Arbeit, deren Ziel die „vollkommene[…] Befreiung der arbeitenden Frau und die Schaffung der Grundlage zu einer neuen sexuellen Moral“ (67) bleibt. In ihrem zweiten Aufsatz „Die Geschlechtsbeziehungen und der Klassenkampf“ stellt sie neben diesen Anspruch eine Krisendiagnose, die im besitzrechtlichen Konzept der Ehebeziehungen und dem fest verankerten Ungleichheitsdenken der Geschlechter den Kern der durch die Verhältnisse geprägten Psychen erkennt. Wenn Kollontai schließlich resümiert, dass „vielleicht […] in keiner Epoche die Einsamkeit der Seele mit solch quälender Schärfe und Hartnäckigkeit sich fühlbar gemacht“ (74) hat, so kann man nach der aufmerksamen Lektüre für sich feststellen: Doch, heute!
Alexander Struwe (AST)
B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe-Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 2.1 | 2.62 | 2.25 | 2.27 Empfohlene Zitierweise: Alexander Struwe, Rezension zu: Barbara Kirchner: Alexandra Kollontai: Autobiographie einer sexuell emanzipierten Kommunistin Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14547-alexandra-kollontai-autobiographie-einer-sexuell-emanzipierten-kommunistin_43532, veröffentlicht am 28.03.2013. Buch-Nr.: 43532 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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