Portal für Politikwissenschaft

Der diskrete Charme der DDR

Hubertus Knabe

Der diskrete Charme der DDR. Stasi und Westmedien

München: Ullstein 2002; 504 S.; 10,95 €; ISBN 3-548-36389-X
"Warum wurde die kommunistische Diktatur in Ostdeutschland im Westen zunehmend nachsichtig beurteilt?" (9) Knabe, als wissenschaftlicher Direktor in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und von 1992 bis 2000 in der Forschungsabteilung der Gauck-Behörde tätig, vermutet, dass das MfS diesen Meinungswandel mitbeeinflusst hat. Möglich sei dies durch eine "diffizile Verstrickung der westdeutschen Gesellschaft mit der SED-Diktatur" (10) gewesen, die Knabe am Beispiel der Medien untersucht. Die Beweisführung ist schwierig, da viele Akten in der Wendezeit vernichtet wurden und die Kartei der West-Agenten in die USA geschafft wurde. Dennoch lässt sich belegen, dass die Stasi den Kontakt zu den mit der DDR sympathisierenden Redakteuren systematisch suchte und zu ihnen vertrauliche Verbindungen pflegte. "Dutzende westdeutscher Medienmitarbeiter konnte das MfS als IM verpflichten." (413) Immer wieder gelang es, über diese Kontakte mit gefälschten Dokumenten Medienberichte gegen DDR-kritische Politiker zu lancieren. Zum Sprachrohr der Stasi machten sich dabei nicht nur Zeitschriften wie "Konkret", bei denen dieser Verdacht ohnehin nahe lag. Unter anderem druckte auch der Stern wiederholt aus der DDR erhaltene Unterlagen, ohne die Leser über diese Informationsquelle zu informieren. Aufgrund der schwierigen Aktenlage könne das Ausmaß an Einfluss durch das MfS auf die öffentliche Meinung in Westdeutschland zwar nicht abschließend beurteilt werden, so Knabe. Auf jeden Fall aber war vor 1989 "die Beurteilung der SED-Herrschaft [...] weniger von Fakten und Erfahrungen abhängig als von den jeweiligen machtpolitischen Interessen der Parteien und ihrer Repräsentanten" (18). Inhaltsübersicht: Der falsche Charme der Diktatur: Schwierigkeiten bei der Wahrheitsfindung; Kontaktarbeit: Der Wandel des DDR-Bildes im Westen; Vertrauliche Kanäle: Journalisten im geheimen Auftrag; Das IM-Netz: Die Unterwanderung der westlichen Medien; Lancierungswege: Versteckte SED-Propaganda in der Bundesrepublik; Feindbekämpfung: Maßnahmen gegen DDR-kritische Medien.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 | 2.313 | 2.333 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Hubertus Knabe: Der diskrete Charme der DDR. München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/18383-der-diskrete-charme-der-ddr_21286, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 21286 Rezension drucken

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