Portal für Politikwissenschaft

1968 - Ein Riss in der Geschichte?

Thomas Etzemüller

1968 - Ein Riss in der Geschichte? Gesellschaftlicher Umbruch und 68er-Bewegungen in Westdeutschland und Schweden

Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH 2005; 269 S.; brosch., 24,- €; ISBN 3-89669-705-6
Die Bedeutung der mit dem Jahreszeichen „1968“ titulierten Protestbewegung wird vielfach – und nicht nur von deren Protagonisten – in der kulturellen Öffnung einer während der Adenauer-Ära restaurativ erstarrten Bundesrepublik gesehen. Gegen dieses Bild möchte Etzemüller, Zeitgeschichtler an der Universität Oldenburg, mit seiner Deutschland und Schweden vergleichenden Studie einen „vollständig anderen Interpretationsrahmen“ setzen (9). Dieser unterscheidet sich von primär auf die studentischen Protestbewegungen bezogenen Untersuchungen zum einen darin, dass der Autor ein weiteres Spektrum jugendlicher Gegenkulturen (wie die Neue Linke und die Ostermarschbewegung) berücksichtigen möchte. Zum anderen – das dürfte die wesentliche Differenz sein – fasst Etzemüller den Umbruch der 60er- und 70er-Jahre in erster Linie als kulturellen Anpassungsprozess einer ökonomisch prosperierenden Gesellschaft auf. In dieser Perspektive erscheint die politische Revolution als „Reflex auf die ‚Lebensstilrevolution’ der modernen Konsumgesellschaft, die wiederum die ‚silent revolution’, den Wertewandel der westlichen Gesellschaften entscheidend vorangetrieben hat“ (13). Während in anderen, ähnlich ansetzenden Studien überwiegend die USA, Frankreich oder Italien vergleichend betrachtet werden, hat sich der Autor für Schweden als Referenzland entschieden, gerade weil dessen durch eine hegemoniale Position der Sozialdemokratie geprägte politische Kultur in wichtigen Punkten von der deutschen Situation (deutsche Teilung, Aufarbeitung der NS-Vergangenheit) abwich. Auch bei Berücksichtigung dieser nationalen Spezifika stelle sich in beiden Ländern als entscheidender Effekt der 68er-Bewegungen heraus, „die Veränderungen der Nachkriegszeit in eine politische Sprache überführt und damit verhandelbar gemacht zu haben“ (221).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.2 | 2.61 | 2.313 | 2.35 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Thomas Etzemüller: 1968 - Ein Riss in der Geschichte? Konstanz: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/23313-1968---ein-riss-in-der-geschichte_26736, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 26736 Rezension drucken

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