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Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert

Marie-Janine Calic

Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert

München: C. H. Beck 2010 (Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert); 415 S.; softc., 26,95 €; ISBN 978-3-406-60646-5
„Der Erfindung einer jugoslawischen Nation fehlten schlicht die gesellschaftlichen Voraussetzungen“ (333), stellt Calic, Professorin für die Geschichte Ost- und Südosteuropas in München, zum Abschluss ihrer aufschlussreichen Überblicksdarstellung fest. Dennoch erscheint die Geschichte des Vielvölkerstaats über weite Phasen als erfolgreiche Modernisierung einer Region. Als Nation fand Jugoslawien den Anschluss an „die großen sozialen, wirtschaftlichen und intellektuellen Veränderungen, die Europa an der Wende zum 20. Jahrhundert erfassten“ (11), was Calic deutlich herausarbeitet. Sie erzählt die jugoslawische Geschichte des langen 20. Jahrhunderts, und schnell zeigt sich, dass sich nur mit Blick auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg die Entwicklungslinien erkennen lassen, die in den folgenden Jahrzehnten von entscheidender Bedeutung waren. Dazu gehört vor allem die Ausbreitung des Nationalismus, verbunden mit der zunehmenden Deutung von Interessengegensätzen „als nationale, nicht mehr soziale und politische Konflikte“ (56). Die Entstehung der modernen Zivilgesellschaft zeichnet sich von Anfang an durch ethnisch segregierte Öffentlichkeiten und Interessenvertretungen aus. Calic zeigt, dass die einigende jugoslawische Idee vor allem in der Zeit der schnellen wirtschaftlichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg an Bindungskraft gewann und zugleich den regierenden Kommunisten eine Legitimation verschaffte. Nach dem Schwinden der wirtschaftlichen Prosperität aber blieb nur Tito als integrierende Figur übrig und folgerichtig nahmen nach seinem Tod die Zerfallserscheinungen des Staates zu; die Ethnien stellten mehr und mehr die Selbstbestimmung und das eigene wirtschaftliche Wohlergehen in den Vordergrund. Aber auch mit dieser Entwicklung blieb das Land im europäischen Kontext verhaftet. Der staatliche Zerfall hätte allerdings, so Calics Überzeugung, in der ersten Hälfte der 90er-Jahre nicht zwangsläufig in einen Krieg eskalieren müssen; dieser sei nicht der Struktur, sondern menschlichen Entscheidungen geschuldet gewesen. Ihre überzeugend vorgetragene Kernthese lautet, dass „nicht balkannotorische Unverträglichkeit und ewiger Völkerhass [...] das Projekt südslawischer Gemeinschaftlichkeit“ unterlaufen haben, sondern „die Politisierung von Differenz in der modernen Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts“ (13).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.1 | 2.2 | 2.25 | 4.1 | 4.41 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert München: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33177-geschichte-jugoslawiens-im-20-jahrhundert_39656, veröffentlicht am 19.01.2011. Buch-Nr.: 39656 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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