Portal für Politikwissenschaft

Antisemitismus und Philosemitismus in Japan

Miriam Bistrović

Antisemitismus und Philosemitismus in Japan. Entwicklungen und Tendenzen seit dem 19. Jahrhundert

Essen: Klartext 2011 (Antisemitismus: Geschichte und Strukturen 6); 325 S.; brosch., 34,95 €; ISBN 978-3-8375-0499-6
Diss. Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin; Gutachter: W. Benz, M. Körte. – Im Rahmen einer Comic-Reihe mit Werken der Weltliteratur veröffentlichte 2008 ein japanischer Verlag eine Fassung von „Mein Kampf“ – und verkaufte innerhalb der ersten sechs Monate 45.000 Exemplare. Dass „Das Kapital“ knapp 200.000 Käufer erreichte, bietet nach Ansicht des Autors keinerlei Trost. Vielmehr stelle sich die Frage: „Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass ein antisemitisches und rassistisches Werk wie ‚Mein Kampf’ nicht nur publiziert, sondern in japanischen Buchläden oder Verbrauchermärkten angepriesen und zudem gekauft wird?“ Bistrović lenkt damit den Blick auf die Tatsache, dass antisemitische Traktate nicht nur in islamisch geprägten Ländern im Nahen Osten ihre Verbreitung finden, sondern auch in Asien. In Japan allerdings handele es sich um „einen Antisemitismus fast ohne Juden“ (13) – nur etwa 1.000 bis 1.500 Menschen seien dort jüdischen Glaubens. Untersucht wird die unterschiedliche Wahrnehmung von „‚Judenbildern’“ (14) in der japanischen Gesellschaft und ihre Entwicklung. Der Autor ermittelt zudem das Zielpublikum antisemitischer Texte, deren Bekanntheitsgrad in der Gesellschaft und fragt nach der Wirkung auf die Rezipienten. Zeitlich umfasst die Analyse das 20. Jahrhundert, ausgehend von einer Fundierung der Vorurteile in den 20er-Jahren. Dargestellt werden u. a. die Diskriminierung der (meist zu Beginn des Jahrhunderts aus dem Russischen Reich geflohenen) Juden in der im Zweiten Weltkrieg besetzen Mandschurei, aber auch das Erstarken des Philosemitismus in den 50er- und 70er-Jahren vor dem Hintergrund eines Auschwitz-Hiroshima-Vergleichs. Ein Kapitel ist den Beziehungen zu Israel gewidmet, die sich erst in den 80er-Jahren entspannten – nachdem sich die Wirtschaft dem politischen Kurs anschloss und ihren Israel-Boykott beendete. In den beiden letzten Kapiteln stehen das Wiedererstarken nationalistischer Strömungen und die beginnende Vergangenheitsbewältigung im Mittelpunkt sowie – als aktuelle Entwicklung – der Aufschwung antisemitischer Bestseller. Als Kontrast dazu wird die Arbeit eines Holocaust Education Center vorgestellt. Ein endgültiges Erklärungsmuster für den Antisemitismus in Japan kann der Autor nicht finden, zu vielschichtig seien die Motive. Gegenwärtig scheine dieser (auch) ein verkleideter Anti-Amerikanismus zu sein, zudem fungierten „die Juden“ als eine „Kontrastfolie“ (290), um die vermeintliche japanische Einzigartigkeit – auch vor dem Hintergrund der ökonomischen Globalisierung – artikulieren zu können.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.68 | 2.22 | 2.23 | 4.1 | 4.22 | 4.42 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Miriam Bistrović: Antisemitismus und Philosemitismus in Japan. Essen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33756-antisemitismus-und-philosemitismus-in-japan_40434, veröffentlicht am 08.09.2011. Buch-Nr.: 40434 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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