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1968 und die Formung des feministischen Subjekts

Brigitte Studer

1968 und die Formung des feministischen Subjekts

Wien: Picus Verlag 2011 (Wiener Vorlesungen im Rathaus 153); 56 S.; geb., 8,90 €; ISBN 978-3-85452-553-0
Studer analysiert essayartig das Verhältnis zwischen der 68er-Bewegung und der aufkeimenden feministischen Bewegung in Europa und den USA. Sie zeigt, dass einerseits beide demselben Ausgangspunkt entsprangen, die Frauenbewegung sich andererseits jedoch erst in kritischer und distanzierender Auseinandersetzung mit den 68ern voll entfalten konnte. Zwar gingen beide Bewegungen aus der Unzufriedenheit mit den uneingelösten Versprechungen der Nachkriegsdemokratie und der jenseits formeller demokratischer Institutionen weiterhin bestehenden Erfahrung mit faktischer Unterdrückung im Alltag (und hierzu zählte auch die Unterdrückung der Frauen) hervor und traten mit dem Ziel an, das Private zu politisieren (bzw. den politischen Charakter des Privaten ins öffentliche Bewusstsein zu heben). In diesem Sinne kann die Frauenbewegung als Teil der 68er-Bewegung gesehen werden. Hier wiederholte sich jedoch die Geschichte partiell: Die Erfahrung der Frauen einer Diskrepanz zwischen dem linken Anspruch einer Gleichheit der Geschlechter einerseits und der weiterhin existierenden geschlechtsspezifischen Definition der Subjekte andererseits zog eine zunehmende kritische Distanzierung nach sich. Studer interessiert sich nun dafür, wie es die Frauenbewegung in diesem Zusammenhang geschafft hat, die erfahrenen Diskriminierungen zu politisieren und sich als eigenständige Bewegung zu konstituieren. Aufbauend auf der Nutzung reichhaltigen Quellenmaterials (Fotos, Filme, Autobiografien etc.) diskutiert sie die Entstehung von Selbsterfahrungsgruppen, deren politische und ideologische Wirkmächtigkeit, aber auch die Probleme und Unzulänglichkeiten. Die Autorin zeigt, wie mit den Selbsterfahrungsgruppen eine Technik zur subjektiven Transformation vom Privaten zum Politischen erfunden wurde und sich damit die Forderungen und das Selbstverständnis der 68er radikalisierten. In diesem Sinne ging die Frauenbewegung nicht nur aus der 68er-Bewegung hervor, sondern entwickelte diese weiter und verlieh ihr erst ihre vollständige Wirkmächtigkeit.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.22 | 2.27 | 2.331 | 2.36 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Brigitte Studer: 1968 und die Formung des feministischen Subjekts Wien: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33770-1968-und-die-formung-des-feministischen-subjekts_40454, veröffentlicht am 08.09.2011. Buch-Nr.: 40454 Rezension drucken

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