Portal für Politikwissenschaft

Kritische Bürger

Brigitte Geißel

Kritische Bürger. Gefahr oder Ressource für die Demokratie?

Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2011 (Studien zur Demokratieforschung 12); 221 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-593-39392-6
Politikwiss. Habilitationsschrift Marburg (erheblich gekürzt). – Nimmt man das „Wort des Jahres”, so war 2010 das Jahr der „Wutbürger”. Ein Fernsehrückblick sprach gar vom „Jahr der Nein-Sager”. Bürgerproteste bestimmten wochenlang die Medienberichterstattung – nicht nur mit dem Hamburger Referendum gegen die sechsjährige Grundschule oder dem Stuttgarter Tiefbahnhofprojekt. Selbst Landtagswahlen wurden davon beeinflusst; in Hamburg und Baden-Württemberg fanden Regierungs- und Koalitionswechsel statt. Inwieweit ist deshalb bürgerschaftliches Engagement eine Chance zu mehr Partizipation und Demokratie? Dieser Kernfrage geht die Frankfurter Politikwissenschaftlerin Geißel entlang von Teilfragen nach: Was ist politische Kritik und wie verbreitet ist sie? Wie lassen sich Kritikbereitschaft und Unzufriedenheit erklären? Inwiefern haben kritische Bürger demokratieförderliche Profile? Inwieweit sind jene Kommunen, Bundesländer und Staaten demokratischer, die kritische Bürger als politische Chance betrachten? Dazu wertet die Autorin einschlägige empirische Studien wie die Gemeindestudie des SFB 580 (Teilprojekt „Lokale Eliten”) oder den ISSP-Survey 2004 (Modul „Citizenship”) aus. Ihre Vorschläge zur Demokratieverbesserung umfassen vier Bereiche: Erstens würden durch die Förderung eines kritisch-engagierten Bürgerengagements als „watchdog” politischer Entscheidungen „bessere Mechanismen der Elite-Rekrutierung” (158) ermöglicht. Die weiteren Bereiche betreffen die die Förderung eines kontrollierenden Misstrauens gegenüber Institutionen, die Förderung der affektiven Politikkompetenz (über das Politikkognitive hinaus) als verstärkte Aufgabe politischer Bildung und schließlich die Förderung von „Optionen der Intervention” (159), also zusätzlicher Mitsprachemöglichkeiten – denn: „Wutbürger” und „Nein-Sager” sind ein unverzichtbares demokratisches Potenzial.
Klaus Kremb (KK)
Dr., Oberstudiendirektor, Wilhelm-Erb-Gymnasium Winnweiler, Lehrbeauftragter, Fachgebiet Politikwissenschaft, TU Kaiserslautern.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 2.2 Empfohlene Zitierweise: Klaus Kremb, Rezension zu: Brigitte Geißel: Kritische Bürger. Frankfurt a. M./New York: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33773-kritische-buerger_40457, veröffentlicht am 10.05.2011. Buch-Nr.: 40457 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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