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Zivilgesellschaft in Vietnam

Jonathan Menge

Zivilgesellschaft in Vietnam. Ein westlich-demokratisches Konzept auf dem Prüfstand

Berlin: regiospectra Verlag 2011; 207 S.; 23,90 €; ISBN 978-3-940132-36-9
Magisterarbeit Potsdam. – Besonders seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Transformation der osteuropäischen Staaten wird der Begriff der Zivilgesellschaft vermehrt (mit)herangezogen, um geglückte Demokratisierungsprozesse zu erklären. Will man dieses Konzept auf außereuropäische Länder anwenden, ergeben sich einige Schwierigkeiten. Erstens ist das vermeintlich analytische Konzept durch die Einbeziehung demokratischer Strukturen sowie Institutionen normativ aufgeladen und zweitens ist es zutiefst in westlichen Kontexten verwurzelt. Einem gewissen Vorwurf des Ethnozentrismus kann es sich deshalb nicht erwehren. Folgt man diesem Zivilgesellschaftskonzept, so existiert in Ländern wie Vietnam – die zwar ökonomische Reformen angestoßen haben, aber deren politisches System immer noch sozialistisch aufgebaut ist – keine Zivilgesellschaft. Menge will sich mit dieser Schlussfolgerung nicht zufrieden geben. Er fragt deshalb, ob es in einem sozialistischen Einparteienstaat eine Zivilgesellschaft geben kann. Zunächst entwirft er auf der Basis verschiedener publizierter Vorschläge einen eigenen konstruktiven Analyserahmen, der maßgeblich von Croissant et al. inspiriert ist. Demnach wird die Zivilgesellschaft durch vier Faktoren bedingt: Institutionen und Strukturen, sozio-kulturelle Faktoren, ökonomische Bedingungen und internationale Einflussfaktoren. Im zweiten Teil untersucht Menge Vietnam anhand dieser vier zivilgesellschaftlichen Kontextbedingungen. Er stellt fest, dass mit Ausnahme der Institutionen und Strukturen – diese werden in der Tat maßgeblich von der KP kontrolliert – die konkreten Bedingungen weder als ausschließlich hinderlich noch als ausschließlich förderlich für ein Engagement zivilgesellschaftlicher Akteure betrachtet werden können. Beispielsweise ist durch die ökonomische Entwicklung sehr wohl ein bescheidener Anstieg des Lebensstandards für einen Teil der Bevölkerung zu konstatieren, allerdings kann sich genau diese soziale Ungleichheit einerseits als Motor, andererseits als Hemmschuh für zivilgesellschaftliche Aktivitäten erweisen. Menge arbeitet heraus, dass es bereits viele zivilgesellschaftliche (und gleichzeitig staatsnahe) Gruppierungen gibt, die sich zwar nicht zuvorderst auf politische Forderungen konzentrieren, aber doch soziale Funktionen erfüllen und damit als wichtiger Part des institutionellen Zivilgesellschaftsgefüges angesehen werden müssen. Darüber hinaus sind auch staatskritische Bestrebungen zu beobachten, mit denen bewusst die Konfrontation mit dem Einparteienstaat gesucht wird.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.68 | 2.22 | 2.2 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Jonathan Menge: Zivilgesellschaft in Vietnam. Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35062-zivilgesellschaft-in-vietnam_42200, veröffentlicht am 07.06.2012. Buch-Nr.: 42200 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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