Portal für Politikwissenschaft

Extremismus im Namen der Religion

Tobias Wolf

Extremismus im Namen der Religion. Wie der Hindu-Nationalismus die Demokratie in Indien gefährdet

Aachen: Shaker Verlag 2012 (Berichte aus der Politik); 191 S.; 29,80 €; ISBN 978-3-8440-1397-9
Politikwiss. Diplomarbeit München. – Der Hindu‑Nationalismus ist ein Nischenthema in der westlichen Politikwissenschaft. Deswegen ist Tobias Wolfs Buch, das die Folgen des Hindu‑Nationalismus für die indische Demokratie und Gesellschaft unter die Lupe nimmt, begrüßenswert. Nach einer ausgiebigen Einführung in indische Religion und Geschichte, ideengeschichtliche Grundlagen und die politische Genese des Hindu‑Nationalismus illustriert der Autor an einigen Beispielen hinduistisch‑nationalistischer Gewalt – etwa die Pogrome in Bombay Anfang der 1990er‑Jahre oder die andauernde Christenverfolgung – schlaglichtartig das Gefährdungspotenzial dieser Extremismusvariante für Leib und Leben. Er zeichnet dann konzis nach, wie sich Hinduismus, ethnische Konflikte und ausgrenzender Nationalismus in den vergangenen Jahrzehnten zu einem für Politik wie Gesellschaft problematischen Konglomerat vermengten. Insofern umfasst die Studie eine kleine Chronologie der wichtigsten Ereignisse. Es drängt sich jedoch das Gefühl auf, eine stärkere Berücksichtigung des – vor allem theoretischen – Forschungsstandes hätte wertvolle Dienste bei der Strukturierung des Gegenstandes mithilfe eines theoretischen Rahmens und analytischer Kategorien geleistet, zumal es der Bewegungs, Extremismus‑, Gewalt‑ und Parteienforschung daran nicht fehlt. So bleibt die Darstellung gesellschaftlicher Folgen trotz ihrer Faktensättigung eklektisch: Einzelne Episoden – etwa die mangelnde Integrität der Polizei in Gujarat oder hie und da aufkeimende faschistische Tendenzen des VHP – sind stark deskriptiv geraten und werden nicht auf ihre Relevanz für die Forschungsfragen abgeklopft. Der Untersuchung der Demokratiegefährdung – die zentrale Frage der Studie – mangelt es damit zwar an transparenten Maßstäben, das Urteil aber – „eine unmittelbare Gefahr für die Demokratie ist […] seitens der Hindu‑Nationalisten nicht gegeben“ (161) – überzeugt durch die Punkte, die der Autor anführt – etwa die sich wandelnde Machtstruktur in diesem Lager oder die mäßigende Wirkung des Wiederwahlmechanismus auf die BJP. Das gravierendste Manko weithin fehlender analytischer Kategorien gleicht der Band durch hohe Informationsdichte aus. Angesichts eines geringen Forschungsstandes kommt an der Studie nicht vorbei, wer sich mit dem indischen Hindu‑Nationalismus auseinandersetzen will.
Tom Mannewitz (MAN)
Dr., Politikwissenschaftler, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Chemnitz.
Rubrizierung: 2.68 | 2.22 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Tom Mannewitz, Rezension zu: Tobias Wolf: Extremismus im Namen der Religion. Aachen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35762-extremismus-im-namen-der-religion_43353, veröffentlicht am 21.02.2013. Buch-Nr.: 43353 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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