Portal für Politikwissenschaft

Europa und die Nationalstaaten

György Konrád

Europa und die Nationalstaaten. Essay. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke

Berlin: Suhrkamp 2013; 183 S.; brosch., 14,95 €; ISBN 978-3-518-42371-4
Der ungarische Schriftsteller György Konrád befasst sich immer wieder essayistisch mit Fragen der Tagespolitik (siehe etwa Buch‑Nr. 17650 und 10777). Anlässe für seine aktuellen Äußerungen bilden einerseits die europäische Wirtschafts‑ und Finanzkrise, andererseits die politischen Veränderungen in seinem Heimatland unter der zweiten Regierung von Viktor Orbán. Der Titel lässt Äußerungen zum Verhältnis der Europäischen Union – hier wie so häufig fälschlicherweise gleichgesetzt mit dem Begriff „Europa“ – und ihrer Mitgliedstaaten vermuten. Die auf die EU bezogenen Passagen bestehen jedoch hauptsächlich aus allgemein gehaltenen Aussagen zu den ideellen Grundlagen der Union. Wenig überraschend sieht der Literat gemeinsame kulturelle Traditionen als das einigende Element der verschiedenen Nationalstaaten an. Unter Rückgriff auf das Totalitarismus‑Konzept stellt er dabei den radikalen Islamismus in eine Reihe mit Nationalsozialismus und Kommunismus als die stärksten Bedrohungen für diese gemeinsamen Werte. Wohl aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen mit beiden totalitären Regimen in Ungarn verwendet Konrád häufig polemisch‑überspitzende Formulierungen wie „Europafeindlichkeit ist ebenso eine Dummheit wie Antiamerikanismus“ (42). Und ob eine Beschränkung nationaler Souveränitätsrechte durch die EU wirklich einen Schutz vor politischen Extremen bietet, sei einmal dahin gestellt – warum sollten sich nicht auch auf einer supranationalen Ebene solche Extreme artikulieren können? Besonders intensiv, wenngleich weder aus dem Titel noch aus dem Klappentext und anderen Werbemaßnahmen zum Buch ableitbar, befasst sich Konrád mit der aktuellen politischen Entwicklung in Ungarn. Er hat sich wiederholt als starker Kritiker dieser Entwicklung hervorgetan und sieht sein Heimatland auf dem Weg in eine „neuartige Diktatur“ (127), eine „parlamentarische Diktatur“ (132), in der die Partei Fidesz – Ungarischer Bürgerbund mit ihrer Zweidrittelmehrheit am politischen Willen der Bevölkerungsmehrheit vorbeiregiere.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 3.1 | 2.61 | 2.21 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: György Konrád: Europa und die Nationalstaaten. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35890-europa-und-die-nationalstaaten_43955, veröffentlicht am 27.06.2013. Buch-Nr.: 43955 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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