Portal für Politikwissenschaft

Der Abwesenheitscode

Valentin Akudowitsch

Der Abwesenheitscode. Versuch, Weißrussland zu verstehen. Aus dem Russischen von Volker Weichsel

Berlin: Suhrkamp 2013 (edition suhrkamp 2665); 204 S.; 15,- €; ISBN 978-3-518-12665-3
Kultur, Geschichte und zeitgenössische Politik von Weißrussland finden in Deutschland nur selten gesteigerte Aufmerksamkeit. Umso wichtiger erscheint die Übersetzung einer im Original bereits 2007 erschienenen Darstellung des Publizisten und Philosophen Valentin Akudowitsch. Sie beruht auf einer Vorlesungsreihe zur belarussischen Mentalität und wurde für die deutsche Ausgabe nochmals überarbeitet. Der Autor beschreibt die Geschichte seines Landes als die eines multiethnischen Raumes, der über die Jahrhunderte durch zahlreiche Verwerfungen geprägt war. Erst seit dem Ende der Sowjetunion sei die Entwicklung einer nationalen Identität möglich. Angesichts fehlender Freiheitserfahrungen bleibe ein Großteil der Bevölkerung dabei allerdings weitgehend passiv, sei geradezu abwesend, wozu die repressive Politik des seit 1994 amtierenden Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka – im Nachwort des Journalisten und Schriftstellers Martin Pollack bezeichnet als „Stalin im Kleinformat“ (171) – ebenfalls beitrage. Sprache, Kultur und Geschichte wirkten nicht als einigendes und identitätstiftendes Element, sondern lediglich als „Zufluchtsort für Intellektuelle“ (154) ohne umfassendere gesellschaftliche Relevanz. Konstruktionsversuche einer historisch weit zurückreichenden staatlichen Tradition erscheinen dem Autor daher wenig erfolgversprechend: „[F]ür die überwiegende Mehrheit der Weißrussen [ist] Weißrussland kein Wert“ (156). Akudowitsch plädiert daher für eine Akzeptanz der pluralen Ausprägung der belarussischen Gesellschaft, die, grob gesagt, in einen lateinisch‑katholisch und einen orthodox geprägten Teil zerfällt. Er sieht in seinem Heimatland ein „Neben‑ und Miteinander zahlreicher, höchst unterschiedlicher Welten […] – Welten, die man nicht auf eine einzige Idee vereinen kann, ohne sie alle zu verstümmeln.“ (13) Mehrere Karten, eine Chronik der wesentlichen historischen Wegmarken und ein Glossar zu wichtigen, in Deutschland gleichwohl weitgehend unbekannten Persönlichkeiten des belarussischen öffentlichen Lebens vor allem im 19. und 20. Jahrhundert runden den instruktiven Band ab.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.62 | 2.2 | 2.22 | 2.23 | 2.25 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Valentin Akudowitsch: Der Abwesenheitscode. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35897-der-abwesenheitscode_43958, veröffentlicht am 27.06.2013. Buch-Nr.: 43958 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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