Portal für Politikwissenschaft

Der Schahbesuch 1967 und "politische Theorie"

Harald Möller

Der Schahbesuch 1967 und "politische Theorie". Was geschah am 1. und 2. Juni 1967 in Berlin und wie lässt es sich erklären? 19 Theorien und "Erklärungsansätze"

Berlin: Logos Verlag 2014; 265 S.; 32,- €; ISBN 978-3-8325-3780-7
Nachdem im Zuge der Öffnung der Archive der DDR 2009 bekannt wurde, dass der West‑Berliner Polizist Karl‑Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit war, sieht sich die geschichtswissenschaftliche Diskussion dieser Ereignisse auf eine „völlig neue Grundlage“ (6) gestellt. Harald Möller legt nun den ersten Band seiner minutiösen Rekonstruktion der Ereignisse anhand von vielfältigem und teils neuem Material vor. Nach einer Aufarbeitung der konkreten polizeitaktischen Umstände und der politischen Vorgeschichte liegt der Schwerpunkt des Bandes auf dem Vergleich von nicht weniger als 19 verschiedenen Erklärungsansätzen darüber, wie genau es zu den folgenreichen Eskalationen kam. Möller unterscheidet dabei zunächst den konventionellen Fundus an Erklärungen in Drahtziehertheorien, Erklärungsansätze aus der internationalen Politik sowie Verschwörungs‑ und Vertuschungstheorien. Nach eingehender Prüfung kommt er zu dem Schluss, dass sich aus heutiger Sicht weder „einfache personalisierende Ansätze“ (215), die die Schuld für das Geschehen bei einzelnen Gruppen wie Studenten, radikalen Professoren oder in den Chefetagen der Medien suchen, halten lassen, noch Makro‑Theorien über Faschismus und internationale Beziehungen tragfähig sind: „Weder drohte der Bundesrepublik ‚Faschismus‘, noch hatte Kurras im Auftrag der DDR gehandelt“ (216). Als wahrscheinlichste Erklärung bleibt damit letztlich übrig, „dass sich versehentlich ein Schuss gelöst hat und dies nachträglich vertuscht wurde“ (227). Der für den gegenwärtigen Diskurs in der politischen Theorie wichtigste Beitrag ist dabei klar die Rekonstruktion des bekannten und anerkanntermaßen verfehlten Theorems vom „linken Faschismus“ von Jürgen Habermas, das dieser nur eine Woche nach Ohnesorgs Tod entwickelt hatte – in einer Auseinandersetzung mit Rudi Dutschke, der wenige Monate später selbst Opfer eines Schusswaffenangriffs durch einen rechtsextremen Täter wurde.
Florian Geisler, B. A., Politikwissenschaftler, Student, Goethe Universität Frankfurt am Main.
Rubrizierung: 2.3132.331 Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: Harald Möller: Der Schahbesuch 1967 und "politische Theorie" Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38173-der-schahbesuch-1967-und-politische-theorie_46640, veröffentlicht am 12.03.2015. Buch-Nr.: 46640 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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