Portal für Politikwissenschaft

"Freiheit heißt, die Angst verlieren"

Christian Halbrock

"Freiheit heißt, die Angst verlieren". Verweigerung, Widerstand und Opposition in der DDR: Der Ostseebezirk Rostock

Göttingen u. a.: Vandenhoeck & Ruprecht 2014 (Analysen und Dokumente 40); 539 S.; 39,99 €; ISBN 978-3-525-35114-7
Eher selten wird die Gesellschaft der DDR so scharfkantig charakterisiert wie in dieser Studie: Als ihr wesentliches Merkmal zeigt sich die Entsolidarisierung, hervorgerufen durch ein Regime, dass die Trennung zwischen Staat und Gesellschaft aufhob und jede Äußerung per se als politisch betrachtete – und damit potenziell als zu sanktionierend, zu bestrafend. Dem von oben versagten Handlungsspielraum entsprechend dient als Kriterium dafür, was als Verweigerung oder gar Widerstand zu deuten ist, in dieser Studie über den damaligen Bezirk Rostock die staatliche Repression – in der Reaktion des Staates manifestierte sich, dass ein Mensch frei gedacht, gesprochen und gehandelt hatte. Nach einem chronologischen Überblick, in dem sich verschiedene Phasen und Akteure widerständigen Handelns zeigen, arbeitet Christian Halbrock die Charakteristika der unterschiedlichen Formen heraus und rückt dann den konkreten Alltag in den Mittelpunkt. Unterschieden werden, angelehnt an die Erforschung der NS‑Zeit, „Nonkonformismus, Verweigerung, Widerspruch sowie Widerstand und Opposition“ (164), gemeinsames Merkmal ist die Gewissensentscheidung. Als nicht relevant abgegrenzt werden das Meckern und die bloße Dienstpflichtverletzung. Die totale Willkür des Regimes sei hier mit dem Fall des Diakons Herbert Büdke illustriert. Er hatte sich auf die in der Verfassung verankerte Trennung von Staat und Kirche berufen und wurde deshalb in einem offenkundigen Rechtsbruch „wegen der ‚falschen Auslegung der christlichen Lehre‘“ (69) verurteilt. Gewürdigt werden im Verlauf der Studie zahlreiche Protagonisten, aus Sicht des MfS waren sie jung und männlich. Halbrock widerspricht dieser voreingenommenen Sicht und betont die Rolle oppositioneller Frauen. Eine neue Qualität in der Selbstfindung der Opposition sieht er mit der Gründung des Ökumenischen Zentrums Umwelt im Dezember 1987 in Wismar erreicht, das sich als fester Anlaufpunkt und „als Teil eines überregionalen oppositionellen Netzwerkes“ (272) etablierte. Die größte Gruppe derjenigen aber, die die Anpassung an das Regime verweigerten, waren seit Mitte der 1970er‑Jahre die Ausreiseantragsteller. Anders als in Berlin wurden sie im Bezirk Rostock von den anderen oppositionellen Gruppen nicht ausgegrenzt. Halbrock schreibt explizit, dass Verweigerung und Widerstand ein „Randphänomen“ (425) in der DDR waren, wobei seine Einschätzung auch vor dem Hintergrund der eigenen Biografie überzeugend ist. Der Historiker, heute wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesbeauftragten für die MfS‑Unterlagen, stammt aus dem mecklenburgischen Crivitz und war als Bürgerrechtler unter anderem an der Gründung der Berliner Umweltbibliothek beteiligt. Sein an Hegel angelehntes Credo über Widerspruch und Widerstand hat er selbst erprobt: „Am Ende entschied einzig die Tat.“ (346)
Natalie Wohlleben, Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christian Halbrock: "Freiheit heißt, die Angst verlieren" Göttingen u. a.: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38296-freiheit-heisst-die-angst-verlieren_46371, veröffentlicht am 16.04.2015. Buch-Nr.: 46371 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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