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Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR

Thomas Großmann

Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR

Göttingen: Wallstein Verlag 2015 (Medien und Gesellschaftswandel im 20. Jahrhundert 3); 296 S.; geb., 34,90 €; ISBN 978-3-8353-1596-9
Geschichtswiss. Diss. FU Berlin; Begutachtung: A. Bauerkämpfer, J. Kocka. – Protestgruppen und Demonstranten haben die Berliner Mauer nicht ohne Hilfe zum Einsturz gebracht – eine entscheidende Rolle spielte das ost‑ und westdeutsche Fernsehen. Thomas Großmann untermauert diese These der „Fernsehrevolution“ (10), wonach die friedliche Revolution 1989 stattfand, „weil über sie berichtet wurde“ (7). Ihm ist dabei durchaus bewusst, dass der Einfluss des Fernsehens „nicht exakt messbar“ (279) ist, doch er macht ihn mittels verschiedener Quellen plausibel und zeigt anhand von Sendungen, Berichten und Archivmaterial, wie es den Unmut gegen das SED‑Regime dynamisierte und die Protestierenden zum Teil schützte. Das DDR‑Fernsehen, vor allem die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“, brachte mit seiner einseitigen, „als beschönigend und realitätsfern empfundene Berichterstattung“ (192) die eigentlich loyalen Kräfte gegen die eigene Führung auf. Ebenso trugen die „Visualisierung von Flucht und Widerspruch durch das Fernsehen der Bundesrepublik und […] die Individualisierung der gesellschaftlichen Perspektivlosigkeit“ (275) zur Erosion der SED‑Herrschaft bei. Laut Großmann kann im Fall der friedlichen Revolution 1989 von einer „Parallelität medialer und realer Ereignisdynamik“ gesprochen werden, „die sich wechselseitig verstärkt hat“ (274). So wirkte das westliche Fernsehen beispielsweise „häufig als Katalysator für die ohnehin bestehenden Fluchtabsichten“ (121). Großmann gelingt es, die enorme Verstärkerwirkung des Fernsehens in einem gesellschaftlichen Krisenmoment herauszuarbeiten. Damit bietet er eine interessante Perspektive, die auch für den medialen Umgang mit aktuellen Krisen und der Entstehung sozialer Bewegungen aufschlussreich ist.
Falk Hartig, Ph.D., Sinologe und Kommunikationswissenschaftler, Postdoktorand am Frankfurter Inter-Zentren-Programm „Afrikas Asiatische Optionen“ (AFRASO), Goethe Universität Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Falk Hartig, Rezension zu: Thomas Großmann: Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR Göttingen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38525-fernsehen-revolution-und-das-ende-der-ddr_47006, veröffentlicht am 11.06.2015. Buch-Nr.: 47006 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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