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Der Nationalsozialismus als Problem der Gegenwart

Joachim Perels

Der Nationalsozialismus als Problem der Gegenwart

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2015 (Beiträge zur Aufarbeitung der NS-Herrschaft 3); 291 S.; geb., 49,95 €; ISBN 978-3-631-62068-7
Zur frühen Aufarbeitung der NS‑Diktatur nach 1945 sind in den vergangenen Jahren eine Reihe von Studien erschienen, die sich grob zwei Strömungen zurechnen lassen. Die eine betont vor allem die (nicht zu leugnenden) Defizite dieses Prozesses und kommt entsprechend zu eher negativen Wertungen. Die andere widmet sich, auch im internationalen Vergleich, eher den Erfolgen und Verdiensten entsprechender Politiken. Joachim Perels, ehemaliger Professor für Politische Wissenschaft an der Leibniz‑Universität Hannover, gehört zu den vehementesten Vertretern der erstgenannten Richtung. Der Band bildet eine Zusammenstellung von Aufsätzen zum Sujet. Sie stammen hauptsächlich aus den 2000er‑ und 2010er‑Jahren, zwei vom Ende der 1990er‑Jahre. Ungewöhnlich für eine solche Kompilation ist die Aufnahme von Rezensionen; sie reichen bis in die 1970er‑Jahre zurück. Zurückgehend auf die persönliche Erfahrung – sein Vater Friedrich Justus Perels wurde 1945 kurz vor Kriegsende als Widerstandskämpfer ermordet – wendet sich der Autor mit Verve gegen die von ihm diagnostizierten Fehlentwicklungen im Umgang mit der NS‑Herrschaft. Die Aufsätze sind drei Schwerpunkten solcher Entwicklungen zugeordnet – deren nicht vollständiger Überwindung, ihrer weitgehenden Verdrängung und der unzureichenden juristischen Ahndung der Verbrechenspolitik. Die vorherrschende Schwarz‑Weiß‑Zeichnung lässt dabei nur selten Raum für die doch reichlich vorhandenen Grautöne – eine wissenschaftlich‑abwägende Argumentation sollte hier nicht erwartet werden. Den Ausführungen Perels‘ wohnen immer wieder auch politische Motive inne. Sie äußern sich in kapitalismuskritischen Sentenzen etwa in den Beiträgen zum Europagedanken des Widerstands oder zu entsprechenden Traditionen der Bekennenden Kirche. Verbunden damit sind des Autors Sympathie mit den Wertvorstellungen eines „humanen Sozialismus“ (39) im Anschluss an Eugen Kogon und sein Eintreten für eine stärkere Gewichtung gemeinwirtschaftlicher Elemente. Formell auffällig sind zahlreiche redaktionelle Fehler und leider auch inhaltlich entstellende Formulierungen wie bei den Ausführungen über ein Konzept eines zuvor von der SS beschäftigten Architekten über die Umgestaltung des KZ‑Geländes in Bergen‑Belsen, das von der Gedenkstättenleitung in einer Broschüre „nicht mit keinem Wort erwähnt [wurde]“ (153). Bereits der erste Band (siehe Buch‑Nr. 44026) der von Perels mitherausgegebenen Reihe litt stark unter entsprechenden Mängeln.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.35 | 2.312 | 5.2 | 5.46 | 2.324 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Joachim Perels: Der Nationalsozialismus als Problem der Gegenwart Frankfurt a. M. u. a.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38716-der-nationalsozialismus-als-problem-der-gegenwart_47089, veröffentlicht am 06.08.2015. Buch-Nr.: 47089 Rezension drucken

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