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Schlagstockeinsatz und Sicherheitspartnerschaft

Matthias Ohms

Schlagstockeinsatz und Sicherheitspartnerschaft. Die Volkspolizei während der friedlichen Revolution im Herbst 1989 in Magdeburg

Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2014 (Wissenschaftliche Reihe der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt 1); 200 S.; brosch., 14,95 €; ISBN 978-3-95462-406-5
Wie friedlich war die friedliche Revolution von 1989? Der von Matthias Ohms gewählte Titel lässt erahnen, dass er den gänzlich gewaltfreien Charakter des Konflikts zwischen Demonstranten und Staatsmacht anzweifelt. Allerdings betont er, dass die „Gewaltlosigkeit auf Seiten der Bevölkerung“ (8) zweifellos das herausragende Merkmal der Proteste war, was letztlich zum Sturz einer 40 Jahre lang bestehenden Diktatur geführt habe. Diese Haltung habe es der SED‑Führung schwer gemacht, ihrerseits eine Gewaltanwendung durch die Sicherheitskräfte zu legitimieren. Ohms untersucht am Beispiel der Volkspolizei in Magdeburg für den Zeitraum des Herbstes 1989, wie die Exekutivorgane des Staates auf die Auseinandersetzungen vorbereitet wurden und wie sich der Verfallsprozess der SED auf sie auswirkte. Er will besonders auf die bisher unterschätzte und verharmloste Rolle der Volkspolizei hinweisen, diese zählte durchaus „zum Unterdrückungs‑ und Repressions‑Apparat der DDR“ (14). Ein Großteil der Offiziere und Mannschaften habe noch lange Zeit treu zur SED‑Führung gestanden und sehr eng mit der Staatssicherheit kooperiert. Anfang Oktober habe es zunehmend gewaltsame und repressive Reaktionen der Polizisten auf die Proteste der Bürger gegeben: „Selbst auf den Polizeirevieren sollen die Personen weiterhin von Volkspolizisten beschimpft und mit Tritten, Schlägen und teilweise dem Schlagstock drangsaliert worden sein.“ (83) Es seien vereinzelt „die Menschenwürde verachtende Verhaltensweisen“ (84) von Magdeburger Polizisten zu beobachten gewesen. Gleichzeitig sei es unter den Einsatzkräften aber auch zu ersten Befehlsverweigerungen gekommen. Ab November seien dann erste sogenannte Sicherheitspartnerschaften zwischen Polizei und Oppositionellen ausgehandelt worden und die Zielrichtung der Proteste habe sich zunehmend auf die Stasi konzentriert. Zudem sei es nicht zuletzt „dem couragierten und besonnen Handeln“ (178) Einzelner im Sicherheitsapparat zu verdanken gewesen, dass eine konsequente gewaltsame Niederschlagung der Proteste ausgeblieben sei. Damit hätten sie zumindest zuletzt ihrer originären Aufgabe des Schutzes der Bevölkerung nach korrekt gehandelt. Das Buch ist der erste Band der Wissenschaftlichen Reihe der Stiftung Gedenkstätten Sachsen‑Anhalt, die der Verbreitung von Forschungsergebnissen aus diesem Themenfeld dient. Ohms arbeitet als Referent für die Stiftung.
Wolfgang Denzler, Diplom-Journalist, B. A., Politikwissenschaftler, M. Sc., Nachhaltigkeitswissenschaftler.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Wolfgang Denzler, Rezension zu: Matthias Ohms: Schlagstockeinsatz und Sicherheitspartnerschaft. Halle (Saale): 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38768-schlagstockeinsatz-und-sicherheitspartnerschaft_47023, veröffentlicht am 20.08.2015. Buch-Nr.: 47023 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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