Portal für Politikwissenschaft

Rechtsextremismus und "Nationalsozialistischer Untergrund"

Wolfgang Frindte / Daniel Geschke / Nicole Haußecker / Franziska Schmidtke (Hrsg.)

Rechtsextremismus und "Nationalsozialistischer Untergrund". Interdisziplinäre Debatten, Befunde und Bilanzen

Wiesbaden: Springer VS 2016 (Edition Rechtsextremismus); 509 S.; softc., 39,99 €; ISBN 978-3-658-09996-1
Die Morde des NSU haben dazu geführt, dass auch die Sozialwissenschaften ihre Analyseinstrumente bezüglich des Rechtsextremismus neu justieren. Eine Möglichkeit dazu bot die Jahrestagung des Forums Friedenspsychologie im Juni 2014, auf der dieser Sammelband beruht. Neue Ansätze junger Nachwuchsforscher_innen werden mit Beiträgen etablierter Rechtsextremismus‑Kenner_innen zusammengeführt; neben Wissenschaftler_innen kommen auch Praktiker_innen zu Wort, so etwa Anetta Kahane von der Amadeu‑Antonio‑Stiftung. Hervorzuheben ist bereits das erste Kapitel, in dem die Herausgeber_innen selbst einen umfassenden Überblick zur Entwicklung der Rechtsextremismusforschung seit der Wiedervereinigung geben. Stefan Heerdegen, Mitarbeiter der Mobilen Beratung in Thüringen, verdeutlicht in seinem Beitrag, dass der NSU nicht einfach so entstand, sondern wichtiger Bestandteil eines sich radikalisierenden Milieus des „Thüringer Heimatschutzes“ war. Sowohl hinsichtlich der Übernahme der äußerst militanten Ideologie des internationalen „Blood & Honour“‑Netzwerks als auch bezüglich des Rückgriffs auf Waffen und Sprengstoff war der NSU kein Sonderfall. Ein für das NPD‑Verbotsverfahren bedeutsames Detail dürfte hierbei sein, dass der gegenwärtig im NSU‑Prozess mitangeklagte Ralf Wohlleben zeitweise stellvertretender NPD‑Vorsitzender in Thüringen war. Der Filmemacher Dirk Laabs legt anhand zahlreicher Quellen eindrucksvoll dar, dass der Verfassungsschutz mitnichten auf dem rechten Auge blind war, sondern sich in einer absurden Konkurrenzposition gegenüber der Polizei befand und dabei auch vor der Sabotage polizeilicher Ermittlungen nicht zurückschreckte („Quellenschutz vor Strafverfolgung“). Die öffentliche Thematisierung von Rechtsextremismus hat Britta Schellenberg bereits in ähnlicher Form in dem Band von Decker / Henningsen / Jakobsen (siehe Buch‑Nr. 47472) vorgestellt. Die beiden letzten Beiträge hingegen sind wiederum für die Praxis relevant – erörtert werden zum einen unterschiedliche Perspektiven auf das präventive Potenzial von Demokratiepädagogik, zum anderen wird eine kleine Studie über die negativen Erfahrungen von Opfern rechter Gewalt mit der Polizei präsentiert, die demnach keine Einzelfälle sind. In der Zusammenschau zeigt sich, dass Wissenschaft und Praxis dabei sind, eine neue Balance der Aufmerksamkeit mit Blick sowohl auf den gewaltbereiten, organisierten Rechtsextremismus als auf die Menschen‑ und Demokratiefeindlichkeit in der gesamten Gesellschaft zu finden.
Dirk Burmester, Dr., Politikwissenschaftler, Mitarbeiter der Freien und Hansestadt Hamburg.
Rubrizierung: 2.37 Empfohlene Zitierweise: Dirk Burmester, Rezension zu: Wolfgang Frindte / Daniel Geschke / Nicole Haußecker / Franziska Schmidtke (Hrsg.): Rechtsextremismus und "Nationalsozialistischer Untergrund" Wiesbaden: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39297-rechtsextremismus-und-nationalsozialistischer-untergrund_47986, veröffentlicht am 21.01.2016. Buch-Nr.: 47986 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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