Portal für Politikwissenschaft

Undemokratische Regime

Stanislav Balík / Michal Kubát

Undemokratische Regime. Theoretische Verortung und Fallbeispiele

Opladen u. a.: Verlag Barbara Budrich 2015; 187 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-8474-0728-7
Mehr als 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wird man nicht umhin können zu konstatieren, dass die Demokratie den ihr prognostizierten globalen Siegeszug nicht angetreten hat. Nicht nur das: Autoritäre und undemokratische politische Systeme können – siehe Singapur – Demokratien in Sachen Wohlstand und Wachstum durchaus in den Schatten stellen. In einer breit angelegten, sowohl ideen‑ als auch wissenschaftsgeschichtlichen Rekonstruktion und Typologisierung unterbreiten Stanislav Balík und Michal Kubát ein Orientierungsangebot: Was unterscheidet totalitäre von autoritären Systemen, wie funktionieren sie jeweils und welche Aspekte ihres Funktionierens lassen sich in der politischen Praxis wiederfinden? In der dichotomischen Gegenüberstellung, die in der politischen Praxis weniger trennscharf ausfällt als die Definitionen nahelegen, erläutern sie zunächst den Begriff des Totalitarismus. Dieser ist demnach von antifaschistischen Journalisten – Lelio Basso und Giovanni Amendola – als Kampfbegriff gegen den ganzheitlichen Herrschaftsanspruch Mussolinis in den 1920er‑Jahren eingeführt worden. Als Kritik an den „gewaltsamen Methoden der völligen Kontrolle über das öffentliche Leben“ (20) wandte Amendola ihn später auch gegen den Kommunismus an. Carl Joachim Friedrich und Zbigniew Brzezinski haben später einen „Sechs‑Punkte‑Katalog“ (39) entwickelt, der die Identifikation totalitärer Herrschaft für konkrete politische Regime erlaubt. Autoritarismus bezeichnet Regime, so Balík und Kubát weiter, die neben totalitären und demokratischen eine eigene Kategorie ausmachen. Sie zeichnen sich – darin folgen die Autoren der Definition von Juan Linz – durch „beschränkten Pluralismus, politische Mobilisierung sowie den Widerspruch zwischen Mentalität und Ideologie“ (54) aus. Balík und Kubát betonen, dass es sich um einen eigenständigen Regimetyp handelt und nicht etwa um einen ‚Totalitarismus light’. Insgesamt bietet der Band, nicht zuletzt wegen seiner klar zugänglichen Sprache, differenzierte Begriffsbestimmungen, die noch dazu widerstreitende Positionen der wissenschaftlichen Debatte hinlänglich berücksichtigen. Die Darstellung einiger politischer Systeme – unter anderem das franquistische Spanien, die DDR, aber auch Polen vor der Wende sowie Albanien – rundet die Erläuterungen ab.
Matthias Lemke, Dr. phil. habil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.252.3142.612.68 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Stanislav Balík / Michal Kubát: Undemokratische Regime. Opladen u. a.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39315-undemokratische-regime_47720, veröffentlicht am 28.01.2016. Buch-Nr.: 47720 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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