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Ausnahmezustand im Sicherheits- und Krisendiskurs

Anna-Lena Dießelmann

Ausnahmezustand im Sicherheits- und Krisendiskurs. Eine diskurstheoretische Studie mit Fallanalysen

Siegen: Universitätsbibliothek der Universität Siegen 2015 (Reihe Sprach- und Kommunikationswissenschaften 4; http://dokumentix.ub.uni-siegen.de/opus/volltexte/2015/950/pdf/Dissertation_Anna_Lena_DieAelmann.pdf); 313 S.
Diss. Siegen; Begutachtung: C. Knobloch, J. Link. – Das Thema der Einschränkung von Freiheiten zugunsten einer potenziell höheren Sicherheit dringt immer mehr in das Zentrum der politischen und akademischen Diskussion vor. Anna‑Lena Dießelmann befasst sich mit der Frage nach der Normalität und deren Aussetzung in Ausnahmesituationen. Beides sind für sie sozial konstruierte Kategorien, wobei die Grenzen der Normalität immer weiter gefasst und zugleich immer häufiger Krisensituationen konstruiert würden. Ihre Arbeit gründet auf der Dramatism‑Methode von Kenneth Burke zur Analyse von menschlichen Beziehungen über Kommunikationskodizes. Am Beispiel des Protestes gegen das G8‑Gipfeltreffen 2007 in Heiligendamm untersucht sie die Akteurskonstellationen über eine Analyse der sprachlichen Kodierung. Sie verwendet interne Gesprächsprotokolle der Polizei um darzustellen, wie eine „Feindbildkonstruktion“ (124) erfolgte, und erläutert, wie die bürgerlichen Freiheiten (Versammlungsrecht, Demonstrationsrecht) zum Schutz von „Hochwerten“ wie „Sicherheit und Ordnung“ (166) ausgesetzt wurden. In ihrer Analyse attestiert Dießelmann den politisch Verantwortlichen eine gezielte Desinformationskampagne und die Nutzung einer Krisenrhetorik zur eigenen Machtsicherung. „Damit ist die Gewaltenteilung – die im Ausnahmezustand aufgehoben wird – nicht nur faktisch umlaufen, sondern über die Institutionalisierung sprachlicher Praktiken diese Aufhebung normalisiert worden. Präventionslogiken, Effizienzgebote und gezielte Manipulierung der Berichterstattung durch die Polizei sind Beispiele solcher institutionalisierter Sprachmuster“ (284). Die Autorin plädiert für eine neue Form politischer Bewegungen, die diese Herausforderung annehmen und sich nicht von den Regierenden als Agent Provocateur instrumentalisieren lassen.
Michael Rohschürmann, Dr. phil., Politik- und Islamwissenschaftler, freier Autor, freier Mitarbeiter am Institut für Sicherheitheitspolitik an der Universität Kiel
Rubrizierung: 2.352.3332.3312.315 Empfohlene Zitierweise: Michael Rohschürmann, Rezension zu: Anna-Lena Dießelmann: Ausnahmezustand im Sicherheits- und Krisendiskurs. Siegen: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39626-ausnahmezustand-im-sicherheits--und-krisendiskurs_48286, veröffentlicht am 21.04.2016. Buch-Nr.: 48286 Rezension drucken

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