Portal für Politikwissenschaft

Der Liberale und die Vergangenheit

Tobias Hirschmüller

Der Liberale und die Vergangenheit. Theodor Heuss und das deutsche Geschichtsbild

Berlin: be.bra wissenschaft verlag 2015 (Ernst-Reuter-Hefte 6); 55 S.; pb., 5,- €; ISBN 978-3-95410-048-4
Die offizielle Geschichtspolitik der Bundesrepublik wurde und wird vom jeweiligen Bundespräsidenten entscheidend mitgeprägt. Eine Sonderstellung nimmt hierbei Theodor Heuss ein. Er äußerte sich bereits vor seiner Zeit als Staatsoberhaupt journalistisch zu historischen Themen und ihrer Bedeutung für die politische Kultur des deutschen Staates – eine Tätigkeit, die er auch im politischen Amt fortsetzte. Insgesamt erstreckt sich sein diesbezügliches Engagement über vier politische Systeme: das späte Kaiserreich, die Weimarer Republik, das NS‑Regime und die junge Bundesrepublik. Hirschmüllers knappe und gleichwohl sehr interessante Studie folgt dieser chronologischen Gliederung, ergänzt um einige einführende Bemerkungen und ein knappes Fazit. Nachdem bisherige Forschungen sich eher auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus konzentrierten, werden die geschichtspolitischen Aktivitäten von Heuss und sein Geschichtsverständnis so erstmals zumindest ansatzweise im Zusammengang untersucht. Der Autor, Historiker an der Katholischen Universität Eichstätt‑Ingolstadt, wertet dazu Veröffentlichungen und Redebeiträge von Heuss aus, ergänzt um den gelegentlichen Einbezug einschlägiger Äußerungen aus dem umfangreichen Briefwechsel. Unter anderem am Beispiel von Heuss‘ kritischer Auseinandersetzung mit der historischen Rolle Otto von Bismarcks und dem späteren Bismarck‑Kult zeigt Hirschmüller auf, wie der spätere Bundespräsident in der Verklärung historischer Persönlichkeiten die „Gefahr einer politischen Destabilisierung“ (49) sah. Bereits in der Zwischenkriegszeit betonte er die Bedeutung einer europäischen Einbindung Deutschlands. Dabei war auch seine Darstellung durchaus von einem instrumentellen Umgang mit der Geschichte geprägt, wie Hirschmüller erläutert, versuchte Heuss doch demokratische Traditionen herauszustreichen und nach 1945 „bei den Deutschen das Bewusstsein an eine gemeinsame Nation zu wahren“ (48). Die Revolution von 1848/49 diente ihm dabei als hauptsächlicher Bezugspunkt, der zugleich die Bedeutung liberaler Politik in der deutschen Geschichte betonen sollte. Es gelang Heuss freilich nicht, diese erste deutsche Revolution zu einem zentralen Bezugspunkt gerade der bundesdeutschen Geschichtskultur zu machen.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.32.312.35 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Tobias Hirschmüller: Der Liberale und die Vergangenheit. Berlin: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39667-der-liberale-und-die-vergangenheit_46826, veröffentlicht am 12.05.2016. Buch-Nr.: 46826 Rezension drucken

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