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Revolution der Erinnerung

Florian Peters

Revolution der Erinnerung. Der Zweite Weltkrieg in der Geschichtskultur des spätsozialistischen Polen

Berlin: Ch. Links Verlag 2016 (Kommunismus und Gesellschaft 2); 514 S.; brosch., 50,- €; ISBN 978-3-86153-891-2
Diss. HU Berlin; Begutachtung: M. Sabrow. – Nicht erst die aktuelle polnische Regierung hat die Geschichte als wichtige politische Ressource für sich entdeckt. Schon zu Zeiten der Volksrepublik bildeten historische Bezüge sowohl auf Seiten der kommunistischen Machthaber als auch bei oppositionellen Bewegungen wichtige Anknüpfungspunkte für die jeweilige Deutung der Gegenwart. Besonders Ereignisse, die mit dem Zweiten Weltkrieg zusammenhingen – wie der Holocaust, der Hitler‑Stalin‑Pakt, der Warschauer Aufstand und das Massaker von Katyn –, standen im Mittelpunkt erinnerungspolitischer Auseinandersetzungen. Der Berliner Historiker Florian Peters rekonstruiert in seiner material‑ und detailreichen Studie, wie „historische Narrative […] als politische Argumente gegeneinander in Stellung gebracht wurden und damit eine besondere politische und gesellschaftliche Relevanz entwickelten“ (25). Die wechselseitigen Bezüge zwischen Deutungsansätzen von Staatsmacht und Opposition werden dabei, aufbauend auf einer Reihe von Einzelstudien und umfangreichen polnischsprachigen Archiv‑ und publizierten Materialien, für die 1970er‑ und 1980er‑Jahre erstmals im Zusammenhang analysiert. Auf zwei einleitende Kapitel zur Vorgeschichte und zu den Rahmenbedingungen der skizzierten Konflikte folgt eine ausführliche Behandlung der oben genannten Fallbeispiele. Peters konstatiert eine Reihe von „strukturellen Gemeinsamkeiten von alten und neuen kollektiven Stiftungsmustern“ (428). Beide seien einem „heroisierenden Blick auf die Geschichte“ gefolgt und hätten sich gleichermaßen auf die polnische Nation als zentrales Subjekt, als „Gemeinschaft von Helden und Märtyrern“ (435) bezogen – eine Tendenz, die auch heute noch vielfach festzustellen ist. Die inhaltlichen Divergenzen waren mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Besonders die Deutung des Massakers von Katyn war hier besonders umstritten, da mit Rolle und Bild der Sowjetunion eine der zentralen machtlegitimatorischen Fragen der Staatsmacht angesprochen war. Insgesamt kam es unter der Einwirkung der alternativen Entwürfe in der Opposition vor allem nach den Ereignissen von 1980/81 zu einer stärkeren Pluralisierung der Geschichtsdiskurse, etwa mit Blick auf eine „Wiederentdeckung der jüdischen Geschichte in Polen“ (459). Die Transformation von 1989 aber war dann eher von einer „Absage an den prägenden Einfluss historischer Narrative auf die Deutung der Gegenwart“ (465) geprägt. Der „dicke Strich“ unter die Vergangenheit (Tadeusz Mazowiecki) sollte die Grundlage bilden für die folgende gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandlung Polens. Aus den zentralen Debatten im Land ist diese Vergangenheit aber bis heute nicht verschwunden.
Martin Munke, M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.232.22.612.3122.22 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Florian Peters: Revolution der Erinnerung. Berlin: 2016, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/40065-revolution-der-erinnerung_48386, veröffentlicht am 15.09.2016. Buch-Nr.: 48386 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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