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Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität

Reto Luzius Fetz / Roland Hagenbüchle / Peter Schulz (Hrsg.)

Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität

Berlin/New York: Walter de Gruyter 1998 (European Cultures 11); XIV, 1.372 S.; geb., 390,- DM; ISBN 3-11-014938-9
Die beiden aufwendig ausgestatteten Bände vereinen 50 (!) überarbeitete Beiträge einer viertägigen interdisziplinären Tagung (alte und neue Philologen, Philosophen, Theologen, sogar ein Jurist und ein Historiker) an der Katholischen Universität Eichstätt im September 1995, die offenbar von einem geradezu "protestantischen" Arbeitsethos beseelt gewesen sein muß, sowie einen orientierenden Großessay des Mitherausgebers Hagenbüchle. Als gewissermaßen 51. Beitrag gehört ein Aufsatz von Hermann Schweppenhäuser "Zur Dialektik der Subjektivität bei Adorno" hinzu, der aus Krankheitsgründen nicht gehalten und in der "Zeitschrift für kritische Theorie" (H. 4/1997) gesondert veröffentlicht wurde. Der sukzessiven Revitalisierung der Aufmerksamkeit für das Individuum oder das Subjekt in den letzten Jahren entspricht der überwiegend gemeinsame Tenor der Beiträge, demgemäß das Subjekt sein vielfach vorgeblich "postuliertes" Ende überlebt habe (V). Wobei aber zu berücksichtigen wäre, daß damit wie mit dem Theorem der "Liquidation des Individuums" zumeist Angriffe auf problematische Substantialisierungen des "Subjekts" gemeint waren oder die Diagnose einer prekären Stellung des Individuums angesichts von Veränderungen der Sozialisationsprozesse und des massenhaften Durchgriffs kulturindustriell standardisierter Schemata (dazu Hagenbüchle: 68) in den westlichen Gesellschaften. Wenn dann Rortys oder Foucaults Theorieentwicklung als eine Umkehr der Heideggerschen "Kehre" respektive als Volte zurück zum Subjekt und seiner Selbstmächtigkeit (Wetz: 1.277 ff.) inszeniert wird, so soll das vielleicht die plakative These invers aufgreifen und analog zu ihrem Selbstmißverständnis Aufmerksamkeit provozieren, geht aber am gar nicht so neuen sachlichen Gehalt der Selbstreflexion vorbei, die schon die "Kritik der reinen Vernunft" mit der logischen Konzeption des Transzendentalsubjekts (hierzu sehr schön Simon: 769; siehe auch Peper: 1.232 f.) anstatt der eleganten ontologischen Figur Cartesius' vertritt. In der Durchführung der Veröffentlichung werden unfruchtbare Entgegensetzungen deshalb auch verlassen, was sich allerdings im Hinblick auf die fehlenden Antagonisten manchmal als problematisch erweist. So gibt es eben Streit um die "Subjektivität" in der Antike, ebenso um die Frage, ob von einer attischen Demokratie oder/und von einem militanten Männerkampfbund zu sprechen ist. So sehr das Anliegen der beiden Bände berechtigt ist, hier wie auch im zumeist polemischerweise so genannten Mittelalter nicht das ganz Andere, sondern eben die Vorgeschichte moderner Subjektivität respektive diese selbst auszumachen (z. B. Mensching, Oehler), so wäre den Bänden auch die deutlichere Positionierung der Opponenten möglicherweise nicht schlecht bekommen, damit es eine Frage bleibt, "ob das, was wir heute als Subjektivität bezeichnen, in Vorformen oder bereits in einer ausgeprägten Gestalt bereits im Altertum oder im Mittelalter zu finden ist" (V). Andererseits macht gerade die gewählte Gesamtschau der Beiträge die konzeptionelle These wirklich stark, was entschieden für die Anlage der Herausgeberentscheidung spricht. Zur seltsamen westlichen Konstruktion des "Subjekts" gehört, daß es vielfach primär in den religiösen, künstlerischen und philosophischen Selbstvergewisserungen der Epochen Zentrum ist (auch als kritischer Ausgangspunkt der Werke, die seine Fragmentierung [...] hervorheben wollen), in der Welt des "objektiven Geistes" dann aber mehr als rhetorisch und ideologisch kaum bemüht wird. Die Bände reflektieren das in der Darstellung primär von künstlerischen und philosophischen Bewußtseinsstellungen und ihrer "Objektivierungen" und bieten das Material für die These der Entwicklung des westlichen Subjekts vom Substanz-Subjekt zur paradoxen "subjektlosen Subjektivität" (Hagenbüchle: 78; siehe Peper: 1.244 f.). Gerade das macht aber klar, daß dieses Gesamtverhältnis offensichtlich zur Auseinandersetzung mit moderner Subjektivität hinzugehört hätte - und zwar über die Besprechung vereinzelter Philosopheme hinaus. Das wird auch darin deutlich, daß die Auseinandersetzung mit einem der bedeutendsten Systemdenker, dem jüngst verstorbenen Niklas Luhmann, en passant vorbemerkend geleistet, während dem von seinem Antagonisten Jürgen Habermas behaupteten Ende der Subjektphilosophie in der Gesellschaftstheorie eigentlich nur implizit durch die Explikationen der Bände überhaupt widersprochen wird. Hier haben wir ein entschieden sozialwissenschaftliches und politikwissenschaftliches Defizit, was die Herausgeber selbst zuallererst deutlich konstatieren, was aber allerdings ebenso an der dominanten Ausrichtung dieser Disziplinen liegen mag, in denen weite Kreise die Subjektivität eher mit Mißtrauen beäugen und die politische Subjektivität gerne Literaturwissenschaftlern und Philosophen überlassen, die sich in diesen beiden Bänden dann auch nicht scheuen, die politischen Bedeutungen subjektiver Bewußtseinstellungen bzw. unterschiedlicher Subjektformierungen herauszuarbeiten, was insbesondere die Beiträge über die Antike, aber auch das sogenannte Mittelalter mit großem Gewinn lesen läßt, selbst und gerade wenn sie manchmal hauptsächlich in knapper Form in Monographien ausführlich begründete Thesen zur Subjektivität resümieren. Gerade die politische Subjektivität als Element der Subjektkonstitution ist insbesondere in den althistorischen Beiträgen begründet thematisch (so bei Wirth), aber auch in Hagenbüchles (71 ff.) äußerst instruktiver systematischer Skizze unter den kritisch gesehenen Auspizien der Postmoderne-Diskussion! Insoweit spiegeln Anlage und Ausführung der Bände damit bestimmte gegenwärtige Paradigmen und sind also doch wohlausgewogen. Für ideengeschichtlich oder -theoretisch interessierte Politikwissenschaftlerinnen bieten sie geradezu eine Fundgrube an Material und Gedankenreichtum, wie sie derzeit nicht ihresgleichen hat. Insbesondere die Beiträge aus den Literaturwissenschaften arbeiten der sozialwissenschaftlichen Ideengeschichte auf einzigartige Weise zu - hier wird, was der Politologe Krippendorff als einer der wenigen seiner Disziplin immer wieder verdeutlicht, was aber auch in den Methodenreflexionen zur Ideengeschichte gern mal angesprochen wird, geboten, was nötig ist, wenn über die explizit als politisch überlieferten Dokumente bei der Rekonstruktion politischer Ideen hinausgegangen werden soll. So ist ein großer Wurf gelungen - das Werk wird lange unverzichtbar sein. Und gemessen an der sonstigen Preisgestaltung des Verlages sind die beiden Bände fast "billig", hier gibt es zwei Bände zum Preis von einem. Band 1: Inhalt: Roland Hagenbüchle: Subjektivität: Eine historisch-systematische Hinführung (1-88). Antike und frühes Christentum: Arbogast Schmitt: Freiheit der Subjektivität in der griechischen Tragödie? (91-118); Theo Wirth: Subjekt und Subjektivität: Erscheinungsformen in altgriechischer Zeit (119-152); Klaus Oehler: Subjektivität und Selbstbewußtsein in der Antike (153-176); Reto Luzius Fetz: Dialektik der Subjektivität: Die Bestimmung des Selbst aus der Differenz von Ich und Mein, Sein und Haben: Alkibiades I, Epiktet, Meister Eckhart (177-203); Okko Behrends: Der römische Weg zur Subjektivität: Vom Siedlungsgenossen zu Person und Persönlichkeit (204-254); Hans-Jürgen Tschiedel: Erwachendes, aufbegehrendes und verstörtes Ich: Manifestationen des Subjektiven in der römischen Literatur (255-283); Eugen Biser: Paulus - der Entdecker der christlichen Subjektivität (285-297); Norbert Brox: Selbst und Selbstentfremdung in der Gnosis: Heilsaussicht durch Erkenntnis: Die Religion Gnosis (298-318); Therese Fuhrer: Skeptizismus und Subjektivität: Augustins antiskeptische Argumentation und das Konzept der Verinnerlichung (319-339); Norbert Fischer: Unsicherheit und Zweideutigkeit der Selbsterkenntnis: Augustins Antwort auf die Frage "quid ipse intus sim" im zehnten Buch der Confessiones (340-366). Mittelalter: Hans Robert Jauss: Ich selbst und der Andere: Bemerkungen aus hermeneutischer Sicht (369-379); Benedikt Konrad Vollmann: Die Wiederentdeckung des Subjekts im Hochmittelalter (380-393); Ingrid Kasten: Subjektivität im höfischen Roman (394-413); Richard Heinzmann: Ansätze und Elemente moderner Subjektivität bei Thomas von Aquin (414-433); Paul Geyer: Subjektivität in Dantes "Divina Commedia" (434-459); Niklaus Largier: Intellekttheorie, Hermeneutik und Allegorie: Subjekt und Subjektivität bei Meister Eckhart (460-486); Günther Mensching: Der Primat des Willens über den Intellekt: Zur Genese des modernen Subjekts im späten Mittelalter (487-507). Renaissance: Pierre Wenger: Die Anfänge der Subjektivität in der bildenden Kunst Italiens vom 13. bis zum 15. Jahrhundert (511-566); Andreas Kablitz: Petrarcas Lyrik des Selbstverlusts: Zur Kanzone Nr. 360 - mit einem Exkurs zur Geschichte christlicher Semantik des Eros (567-611); Alois Maria Haas: Das Subjekt im "sermo mysticus" am Beispiel der spanischen Mystik des 16. Jahrhunderts (612-640); Helmut Pfeiffer: Montaignes Enteignungen (641-670); Wolfgang G. Müller: Verstellung, Rollenspiel und personale Identität in Shakespeares Dramen (671-691); Dietrich Schwanitz: Das Subjekt und Hamlets Vaters Geist (692-712); Verena Lobsien: Das manische Selbst: Frühneuzeitliche Versionen des Melancholieparadigmas in der Genese literarischer Subjektivität (713-739). Band 2: Inhalt: Aufbruch in die Moderne: Theo Kobusch: Person und Subjektivität: Die Metaphysik der Freiheit und der moderne Subjektivitätsgedanke (743-761); Josef Simon: Subjektivität: Von den Vorstellungen zu den Zeichen (762-781); Gerhard Neumann: Pygmalion: Die Geburt des Subjekts aus dem Körper der Statue (782-810); Verena Ehrich-Haefeli: Individualität als narrative Leistung: Zum Wandel der Personendarstellung in Romanen um 1770 - Sophie LaRoche, Goethe, Lenz (811-843); Karl S. Guthke: Zwischen "Wilden" in Übersee und "Barbaren" in Europa: Schillers Ethno-Anthropologie (844-871); Christoph Bode: Das Subjekt in der englischen Romantik (872-900); Winfried Wehle: Kunst und Subjektivität: Von der Geburt ästhetischer Anthropologie aus dem Leiden an Modernität - Nodier, Chateaubriand - (901-941); Peter Schulz: "Die Subjektivität ist die Wahrheit": Zum Begriff der Subjektivität bei Sören Kierkegaard (942-964); Horst-Jürgen Gerigk: Dostojewskij und Tschechow: Vom intelligiblen zum empirischen Menschen (965-978); Dieter Schulz: Das Ich und sein Haus: Wohnen und Wandern im amerikanischen Transzendentalismus (979-992); Winfried Fluck: Das Individuum und die Macht der sozialen Beziehung: Henry James (993-1.019); Ulrich Broich: Kult und Zerfall des Subjekts als Thema der englischen Literatur am Ausgang des 19. Jahrhunderts (1.020-1.038). Paradigmen des 20. Jahrhunderts: Karl-Heinz Lembeck: Schwierigkeiten mit der Subjektivität in der neukantianischen Transzendentalphilosophie (1.041-1.057); Hans Köchler: Heideggers Konzeption des Subjekts auf dem Hintergrund seiner Ontologie (1.058-1.072); Roland Galle: "Mauvaise foi" und die Subjektivität bei Sartre (1.073-1.095); Gudrun M. Grabher: Formen des lyrischen Ich im Modernismus: Subjekt-Kult und Subjekt-Absage durch die Sprachskepsis (1.096-1.110); Rolf Breuer: Das Subjekt bei Samuel Beckett (1.111-1.129); Herwig Friedl: Rekonstruktion des schöpferischen Subjekts: Gertrude Stein und die Kunstphilosophie des Pragmatismus (1.130-1.150); Wolfgang Riedel: Reise ans Ende des Ich: Das Subjekt und sein Grund bei Robert Musil ("Die Vollendung der Liebe", 1911) (1.151-1.173); Walter Pape: "Mich interessiert nur mein Körper und mein Kopf und sonst gar nichts": Erzählerische und autobiographische Subjektivität bei Thomas Bernhard (1.174-1.197); Joachim Pfeiffer: Die Subjektproblematik im deutschen Gegenwartsroman: Wolfgang Hilbigs Roman "Ich" und der Künstlerroman der Romantik (1.198-1.212); Jürgen Peper: Das transzendentale Selbstporträt der Subjektivität in der ästhetischen Einstellung, oder: Subjektivität ohne Subjekt (1.213-1.248); Burkhard Liebsch: Von der Phänomenologie der Offenheit zur Ethik der Verwundbarkeit: Merleau-Ponty und Levinas auf den Spuren einer An-Archie der Subjektivität (1.249-1.276); Franz-Josef Wetz: Wie das Subjekt sein Ende überlebt: Die Rückkehr des Individuums in Foucaults und Rortys Spätwerk (1.277-1.290); Wolfgang Huber: Das artifizielle Subjekt (1.291-1.316). Eine nichteuropäische Perspektive: Thomas Immoos: Subjektivität unter negativen Vorzeichen (1.319-1.323).
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.3 | 5.1 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Reto Luzius Fetz / Roland Hagenbüchle / Peter Schulz (Hrsg.): Geschichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität Berlin/New York: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/8219-geschichte-und-vorgeschichte-der-modernen-subjektivitaet_10837, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10837 Rezension drucken

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