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Politische Räume jenseits von Staat und Nation

Olaf Kaltmeier

Politische Räume jenseits von Staat und Nation

Göttingen: Wallstein Verlag 2012 (Das Politische als Kommunikation 7); 128 S.; brosch., 9,90 €; ISBN 978-3-8353-1151-0
Olaf Kaltmeier analysiert aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive die Vorstellungen von Territorialität und Raum. Der Nationalstaat, der von „anderen Staaten durch diskrete, lineare Grenzen getrennt ist“, stelle historisch eine „Ausnahmeerscheinung“ (7) politischer Räumlichkeit dar. Vor der neuzeitlichen Staatsgründung seien alternative Raumkonzepte jenseits von Staat und Nation dominant gewesen; sie gewinnen im Zuge der Auflösung nationaler Behälterräume durch relationale Räume gegenwärtig wieder an Bedeutung. Als Beispiele nennt Kaltmeier „Randzonen und [...] Knotenpunkte“ sowie „Landschaft und Itinerar“ (11). Fallanalysen dieser vier Raummodelle verdeutlichten, dass die Zeit nicht dynamischer als der Raum und das essentialistische Verständnis von Raum abzulehnen sei: Politische Räume seien kommunikative Konstruktionen und in einer Trialektik der „Wechselwirkungen von Raum, Zeit und Sozialem“ (24) zu analysieren. Aufgrund seiner Fallanalysen gelangt der Autor zu folgenden Ergebnissen: 1. Die Grenzgebiete in den „Randzonen von Staatlichkeit“ werden in neueren Arbeiten richtigerweise „als eigenständige Räume begriffen [...], die sich von den bestehenden geopolitischen Territorien absetzen und eigene Rationalitäten aufweisen“ (28). 2. Landschaftsbilder werden durch die Vorstellungskraft produziert: „Dies reicht soweit, dass hyperreale Landschaften hergestellt werden, die neue Wirklichkeiten eigener Art schaffen“ (65). 3. „Prozessionen, Wallfahrten, Feldzüge, Demonstrationszüge und Wahlkampftouren verweisen auf die politische Relevanz von Itinerarien“ (75). 4. „Aus verflechtungsgeschichtlicher Perspektive ist [...] darauf zu verweisen, dass [...] der Knotenpunkt in einem polyzentrischen globalen Städtenetz situiert“ (99) ist. Im Fazit verweist Kaltmeier darauf, dass man den Bereich des Politischen nicht „in einem System oder einem politischen Raum“ (116) eingrenzen könne. Es gelte auf die „räumliche Differenz“ (119) zu verweisen: Der politische Raum bleibe offen, emergent und plural; er widersetze sich seiner Ökonomisierung. Kaltmeiers Herausarbeitung der multiplen, relationalen und subjektkonstituierten Struktur der politischen Räume der Gegenwart ist durchweg plausibel, auf dem neusten Forschungsstand und wird durch anschauliche Beispiele aus der Amerikaforschung unterstützt.
Ulf Kemper (UK)
M. A., Politikwissenschaftler, Philosoph, Lehrkraft für besondere Aufgaben, Westfälische Wilhelms-Universität Münster.
Rubrizierung: 2.2 | 5.41 Empfohlene Zitierweise: Ulf Kemper, Rezension zu: Olaf Kaltmeier: Politische Räume jenseits von Staat und Nation Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/9265-politische-raeume-jenseits-von-staat-und-nation_43251, veröffentlicht am 04.04.2013. Buch-Nr.: 43251 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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