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Rezension

Wer hat Angst vor Deutschland?
Geschichte eines europäischen Problems

Der Mainzer Historiker Andreas Rödder führt seine Leser*innen auf eine 276 Seiten lange Tour de Force durch die deutsche und europäische Geistesgeschichte der Selbst- und Fremdwahrnehmung Deutschlands. Das Buch erscheint zu einer Zeit, in der Europa zwischen unterschiedlichen Extremen zu zerreißen scheint: Europäisierung und Globalisierung, aber auch neu entstehender Populismus und Nationalismus. Die deutsche Frage, diesmal die nach der Rolle, die Deutschland in Europa einnehmen soll, wird wieder neu gestellt und diskutiert.

Der Autor möchte vor diesem Hintergrund aber mehr als eine historische Verortung Deutschlands in den vergangenen 150 Jahren vornehmen, ihm geht es darum aufzuzeigen, welche Einstellungen und gegenseitigen Missverständnisse häufige Grundlage der Konflikte Deutschlands mit seinen Nachbarn waren und sind. „Das Buch hätte eines seiner Ziele erreicht, wenn deutsche Leser verstehen, warum sie nicht verstehen, wie Franzosen und Griechen die Deutschen sehen, und wenn polnische und britische Leser verstehen, warum sie die Deutschen nicht verstehen“ (13).

Aus deutscher Sicht ist das Land gefangen zwischen widerstreitenden Erwartungen. Immer häufiger wird verlangt, dass das wiedervereinte und wirtschaftlich potente Deutschland auch eine politische Führungsrolle einnimmt. Doch sobald es das tut, wird wieder der Vorwurf deutscher Dominanz laut. Um dies zu erklären, beschreibt Rödder die Entwicklung deutscher Stärke seit der Reichseinigung, einer (wirtschaftlichen) Stärke, die sich durch die verschiedenen Katastrophen des 20. Jahrhunderts bis heute erhalten hat. Zudem beschreibt er die ambivalente Wahrnehmung Deutschlands seitens seiner Nachbarn: deren Deutschlandbild schwankt zwischen vergeistigten Gelehrten und Musikgenies bis hin zu den sprichwörtlichen „furor teutonicus“ (246).

1871 wurde aus der traditionellen europäischen Pufferzone gleichzeitig erstmals eine deutsche Nation, aber auch sofort eine Großmacht, die zu groß war, sich einfach in den Kanon der anderen europäischen Mächte einzufügen. Dabei entsprang die deutsche Selbstwahrnehmung der Mentalität eines Außenseiters, der nun plötzlich Teil der Tafel geworden ist. Rödder verdeutlicht dies am Beispiel der bekannten Reichstagsrede des Reichskanzlers Bernhard Bülow „Wir [das Deutsche Reich] wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne“. Wo Bülow und die Mehrheit der Deutschen wohl in erster Linie den Fokus auf dem „auch“ verstanden, hörten die Nachbarn die Forderung nach dem „Platz an der Sonne“ und fürchteten um ihren eigenen Sonnenplatz, so Rödder.

Er macht deutlich, dass Eigen- und Fremdwahrnehmungen der europäischen Staaten niemals statisch waren und einem interaktiven Aushandlungsprozess unterworfen sind. Die Idee der Nation ist für ihn mehr als ein politisches Konstrukt, sondern die Idee einer Gemeinschaft, die von Symbolen, Mythen aber eben auch von ihren Feinden und Ängsten geschaffen wird. Durch den konsequenten Fokus auf die Entwicklung dieser wechselseitigen Wahrnehmungen gelingt es Rödder, auch Themen anzusprechen, die in Deutschland als heikel betrachtet werden. Hier wird deutlich, dass die Angst der etablierten Nationen vor dem Newcomer auch zu Doppelstandards führte: sei es die Kritik der anderen Kolonialreiche am deutschen Kolonialismus, die Angst der Briten vor der deutschen Flottenpolitik oder die Verhinderung des Österreichischen Anschlusses an das Deutsche Reich nach dem Ersten Weltkrieg trotz des Wunsches seiner Bewohner.

Rödder kommentiert die unterschiedlichen Wahrnehmungen ausgewogen als Korrektiv des deutschen Eigenbildes und es gelingt ihm sehr gut, Kontinuitätslinien aus den vergangenen 150 Jahren bis in die Gegenwart zu ziehen: „Das deutsche Selbstverständnis als Kulturnation aber wirkte ebenso weiter wie eine Tendenz zur moralischen-kulturellen Selbstüberhöhung. Kontinuitäten zeigen sich auch in der Neigung, den Blick auf die eigene Perspektive zu reduzieren, statt die Sicht der anderen einzubeziehen [...]. Stets neigten und neigen die Deutschen dazu, sich selbst als schwächer, harmloser und friedlicher anzusehen, als die anderen dies tun.“ (246) Es ist eines der großen Verdienste des Autors, seinen Mitbürger*innen den Spiegel vorzuhalten..

Rödder ermöglicht mit seinem auf Wahrnehmungen bezogenen Ansatz einen neuen und frischen Blickwinkel auf die europäische Politik. Er selbst ist dabei kein unbeschränkter Befürworter der europäischen Integration und plädiert für ein „Europa à la carte“ nicht für eine „ever closer union“, zu der sich die Europäer in ihren Verträgen bekannt haben (257 f.). Gerade Deutschland müsse aber in Europa investieren – nicht nur monetär, sondern gerade auch mit Verständnis für die Ängste und Befürchtungen der kleineren Mitglieder der Union. Seine Empfehlung für einen neuen Dreibund (England, Frankreich, Deutschland), den er „Elysée à trois“ (259) nennt und den er als Motor Europas versteht, spiegelt – einem Historiker sehr angemessen – den alten deutschen Wunsch, der sich bisher indes nie erfüllen ließ.

Dass Deutschland in Europa investieren muss, ist zudem nicht neu, sondern das Mantra aller deutschen Regierungen von Konrad Adenauer bis hin zu Angela Merkel. Diese Politik ist eine der Lehren, die Deutschland bereits aus seiner Geschichte gezogen hat. Rödders Empfehlungen sind an dieser Stelle also wenig originell, wenngleich auch immer noch richtig. Den Finger aber in die Wunde der deutschen Überheblichkeit – auch und gerade in moralischen Fragen – gegenüber den kleineren EU-Mitgliedern zu legen, ist definitiv ein weiteres Verdienst des Autors.

Verfasst von:

Michael Rohschürmann

Erschienen am:

10. Dezember 2019

Andreas Rödder

Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems

Frankfurt a. M., S. Fischer 2019

Aus der Annotierten Bibliografie

Peter-Cornelius Mayer-Tasch / Heinrich Oberreuter (Hrsg.)

Deutschlands Rolle in der Welt des 21. Jahrhunderts

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2009 (Zeitschrift für Politik Sonderband 3); 175 S. ; 24,- €; ISBN 978-3-8329-4686-9
Die 1907 gegründete Zeitschrift für Politik (ZfP) ist das älteste politikwissenschaftliche Periodikum im deutschen Sprachraum. Sie hat, wenn auch mit einigen Unterbrechungen, die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert begleitet; im Nationalsozialismus der Gleichschaltung unterworfen erfolgte ihre Wiedergründung 1954. In der Aufbauphase der Bundesrepublik hat sie, redaktionell an der Berliner Hochschule für Politik angesiedelt, in Zusammenarbeit mit der deutschen Vereinigung für die Wissensch...weiterlesen


Herfried Münkler

Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa

Hamburg: edition Körber-Stiftung 2015; 203 S.; geb., 18,- €; ISBN 978-3-89684-165-0
„Wie kann Europa zusammengehalten werden, und welche Aufgabe kommt dabei Deutschland als der Macht in der Mitte zu?“ (7) Ausgehend von dieser Frage analysiert Herfried Münkler den heutigen Zustand der EU und ihre inneren Spannungen. Sein eigentliches Anliegen ist aber die Rolle Deutschlands in Europa. Als „Macht in der Mitte“ (so die titelgebende und von Gregor Schöllgen bereits 1992 formulierte zentrale Idee) obliege es Deutschland, so die These, für die Zukunft des europäischen Projekts als moderierende und ausgleichende Kraft ...weiterlesen


Sebastian Harnisch / Joachim Schild (Hrsg.)

Deutsche Außenpolitik und internationale Führung. Ressourcen, Praktiken und Politiken in einer veränderten Europäischen Union

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Außenpolitik und Internationale Ordnung); 397 S.; brosch., 36,- €; ISBN 978-3-8487-1358-5
Der Begriff der Zivilmacht als Bezeichnung für das außenpolitische Rollenverständnis Deutschlands ist zum „Kernbestand der deutschen und europäischen Außenpolitikforschung geworden“ (7) – so formulieren es Sebastian Harnisch und Joachim Schild. Sie nehmen das ursprünglich von Hanns Maull formulierte Konzept als Ausgangspunkt für ihren Sammelband, der mit einem Schwerpunkt auf rollentheoretischen Ansätzen die deutsche Außenpolitik und internationale Führung thematisiert. Ebenfalls...weiterlesen


Michael Hüther

Die junge Nation. Deutschlands neue Rolle in Europa

Hamburg: Murmann 2014; 296 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-86774-376-1
Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe eine Phase der Rückbesinnung auf den Nationalstaat begonnen, schreibt Michael Hüther. Dieser sei keineswegs ein Relikt einer überwundenen Vergangenheit. Vielmehr wertet der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln die Prozesse der Nationsbildung „als Ausdruck einer umfassenden Modernisierung unter den Prinzipien der Freiheit, Rechtsgleichheit und Bürgerlichkeit“ (231). Die Ideen von 1989 entsprächen denen von 1789 und knüpften ...weiterlesen


Stephan Bierling

Vormacht wider Willen. Deutsche Außenpolitik von der Wiedervereinigung bis zur Gegenwart

München: C. H. Beck 2014; 304 S.; brosch., 14,95 €; ISBN 978-3-406-66766-4
Stephan Bierling analysiert die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland seit der Wiedervereinigung. Als chronologisches Gliederungsschema dienen ihm die Kanzlerschaften Kohls, Schröders und Merkels. Zunächst zeigt er die jeweils wichtigsten sicherheits‑ und verteidigungspolitischen Entwicklungen in diesen drei Phasen auf, wobei er – im Rahmen des Kosovokriegs – sein Hauptaugenmerk auf die personellen und materiellen Beiträge zur NATO und UNO richtet. Anschließend widmet der...weiterlesen


Andreas Rödder / Wolfgang Elz (Hrsg.)

Deutschland in der Welt. Weichenstellungen in der Geschichte der Bundesrepublik

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2010; 160 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-525-35895-5
Die politikwissenschaftliche Analyse der Rolle Deutschlands in der Welt bedarf der zeitgeschichtlichen Fundierung. Das primäre Interesse gilt dabei den grundlegenden Weichenstellungen. Als Schlüsseljahre (und -ereignisse) sind besonders 1955 (Westbindung), 1961 (Mauerbau), 1970/72 (Ostverträge), 1973 (Ölpreisschock), 1979 (NATO-Doppelbeschluss), 1989/90 (Wiedervereinigung), 1992 (Maastricht-Vertrag) und 1999 (Kosovo-Engagement) hervorzuheben. Diese Schlüsseljahre/-ereignisse markieren zentrale M...weiterlesen


 

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