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Rezension

Ist die freiheitliche Weltordnung am Ende?
Ein Streitgespräch

Die aufgelisteten Autorennamen haben es in sich: Niall Ferguson, einer der bekanntesten und strittigsten Historiker unserer Zeit mit Professuren in Harvard, Oxford und Stanford. Fareed Zakaria, Mit-Herausgeber von „The Atlantic“, regelmäßiger Autor und politischer Analyst für die „Washington Post“ und das Magazin „Time“, Moderator bei CNN und Bestsellerautor. Darüber hinaus findet sich ein Vorwort des bulgarischen Politikwissenschaftlers Ivan Krastev, der das Ende der EU für möglich bis wahrscheinlich hält und in den vergangenen Jahren die europhile Öffentlichkeit provozierte. Dieses kleine, gerade einmal einhundert Seiten starke Buch versprach eine anregende Lektüre zu werden. Das Versprechen wurde nicht gebrochen.

Die im Buch nachträglich abgebildete Diskussion zwischen Zakaria und Ferguson fand im April 2017 statt. Ferguson vertritt die These, die internationale freiheitliche Weltordnung sei weder freiheitlich noch international, nicht sonderlich geordnet und außerdem am Ende, ein „chaotischer Haufen konservativer Staaten“, 52. Zakaria hält vehement dagegen und sieht das vom Westen nach dem Krieg geschaffene System internationaler Ordnung noch lange nicht am Rande des Abgrunds, allen seinen Schwächen zum Trotz.

Zunächst haben beide Diskutanten die Möglichkeit, in Einzelgesprächen mit Rudyard Griffiths, dem Moderator der Diskussion, ihre Positionen vorzustellen, bevor sie im Rahmen der Hauptdiskussion direkt aufeinander treffen. Ferguson beginnt mit einem Blick zurück. Schon einmal habe es in der jüngeren Geschichte eine Phase der Hyperglobalisierung gegeben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts sei die Globalisierung so weit vorangeschritten, dass sie nur noch den Interessen der reichsten und gebildetsten zwanzig Prozent der Bevölkerung gedient habe. Weltweit ziehe nun drohend die Wiederkehr dieser Konstellation herauf („interelitäre Ordnung“, 55) und politische Phänomene wie der Brexit beziehungsweise Politiker wie Donald Trump oder Le Pen seien die Vorboten. Besonders scharf greift er die internationalen Institutionen an, die aus liberaler Sicht Regeln und Ordnung in das internationale Leben bringen. Er hält dieses Argument für eine Schimäre. Die Pax Americana, der von Konservativen aus nationalem Interesse geschaffene Schutzschild der USA, sei es gewesen, der dem Westen in den vergangenen 75 Jahren seine Freiheit geboten habe. Der Fall Chinas ist für Ferguson aber der Hauptindikator dafür, dass etwas nicht stimmt. Anders könne es kaum sein, schließlich wäre ein autoritäres, nicht-freiheitliches System der hauptsächliche Nutznießer dieser angeblich freiheitlichen Ordnung.

Zakaria sieht das anders. Auch er nimmt Belastungsprobleme der internationalen Ordnung wahr und teilt sie in zwei Gruppen ein. Intern machten Verwerfungen wie der Populismus den reifen Demokratien das Leben schwer; extern Akteure wie Russland, die ein Interesse an der Destabilisierung der aktuellen Weltordnung hätten. Während Ferguson die Gründe für den Brexit mittlerweile nachvollziehen kann, ist die Europäische Union für Zakaria immer noch ein Leitbild freiheitlicher internationaler Zusammenarbeit. Die Union (im Vorwort von Krastev als „Kloster“ bezeichnet) hält er für stabiler als gedacht: „[M]an [kann] sich eine andere Form des Zusammenlebens gar nicht mehr vorstellen“ (42). Sein stärkstes Argument ist die Jugend. Weltweit wolle sie mehrheitlich eine global verflochtene und freiheitliche Gesellschaft (47). Die Jugend sei nun einmal die Zukunft – wenngleich die jüngere Generation noch lernen müsse, die bestehende Ordnung durch ihre eigenen Anstrengungen zu stabilisieren.
Etwa ab Seite 50 beginnt das Aufeinanderprallen der beiden Positionen und es kommt zum Schlagabtausch zwischen dem gebürtigen Schotten und dem gebürtigen Inder – beide leben mittlerweile in den USA, was auch immer wieder Thema der Debatte wird.

Die Argumente werden in der Hauptdiskussion von der Gegenseite angegriffen und durch Antworten auf die Attacken verfeinert. Dabei liefern beide Seiten gute Argumente. Zakaria überzeugt, wenn er die Welt des Jahres 2017 als friedlicher und freiheitlicher denn je porträtiert. Ferguson punktet, wenn er die „liberale Blase“ (69) angreift, in der sich nicht wenige Befürworter der bestehenden Ordnung befinden dürften. Ferguson kommt immer wieder auch auf die Bedrohung eines radikalisierten Islam zu sprechen, was zum Teil den eigenen Lebensumständen geschuldet ist. Verheiratet ist der Historiker mit der somalisch-niederländischen Politikerin und Politikwissenschaftlerin Ayaan Hirsi Ali („Reformiert euch! Warum der Islam sich ändern muss“), die Europa aus Sicherheitsbedenken verlassen hat und heute mit Ferguson in den USA lebt. Zakaria spricht dagegen über die Signalwirkung des freiheitlichen Westens auf junge Immigranten wie ihn selbst, die sich aus den Entwicklungsländern, in seinem Fall aus Indien, auf den Weg gemacht hätten, um ein besseres und freieres Leben im Westen zu suchen. Diese Einsprengsel des persönlichen Lebenslaufs der beiden stören nicht nur nicht – sie manchen die vorgetragenen Positionen im Gegenteil auf einer lebensweltlichen Basis nachvollziehbarer und glaubwürdiger.

Argumentativ schenken sich beide Kontrahenten nichts. Es wird scharf formuliert, angegriffen und heftig verteidigt. Immer wieder wird die Diskussion polemisch (wobei Ferguson aggressiver wirkt), ohne dabei je niveaulos zu werden. Von einer „gepfefferten Diskussion“ würde man vermutlich sprechen, und in der Tat ist es ein Trugbild zu glauben, der wissenschaftliche Diskurs sei zwangsläufig in das steife Korsett eines sittsamen Tischgespräches eingeengt.

Wer gewinnt die Debatte? Beide. Aber nicht nur wegen jeweils guter Argumente. Hier sprechen zwei Menschen ihr Zielpublikum an: Zakaria richtet sich an liberale Eliten, Ferguson an ihre konservativen Gegenspieler. Eine Suche nach gemeinsamem Grund findet nicht statt, ist aber auch nicht Ziel des Vorhabens. Das Buch ist für alle interessant, die Neugier auf einen Schlagabtausch in konzentrierter Form verspüren und sich schnell entlang der wichtigsten Argumente orientieren möchten. Wer nach mit Daten unterfütterten Definitionen und Erklärungsversuchen sucht, wird diese hier nicht finden. Aber dazu haben beide Autoren zum Glück zahlreiche andere Werke publiziert, denen man sich widmen kann.

Verfasst von:

Rainer Lisowski

Erschienen am:

30. April 2020

Niall Ferguson / Fareed Zakaria

Ist die freiheitliche Weltordnung am Ende? Ein Streitgespräch

Zürich, Nagel & Kimche 2020

SIRIUS: Literaturbericht

Aufstieg und Verfall internationaler Ordnung. Entstehung, Ursachen und Konsequenzen

Die Erosion der internationalen liberalen, westlichen Ordnung sei, so Leo Bamberger, offenkundig. Er stellt acht Bücher vor, die zwischen 2015 und 2019 erschienen sind, in denen es um die internationale Ordnung generell sowie deren Krise im Besonderen geht. Seinem Literaturbericht liegen vier Fragen zugrunde, etwa die, was ihren Zerfall bewirkt hat und welche Konsequenzen sich daraus ergeben könnten. Sorgen bereiten der Aufstieg Chinas, der Revisionismus Russlands sowie der Rückzug der Trump-Administration aus ihrer weltpolitischen Verantwortung.

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Rezension

Carlo Masala

Weltunordnung. Die globalen Krisen und das Versagen des Westens

2., überarb. und erw. Auflage, München, C. H. Beck 2018

Bürgerkriege, Pandemien, Flüchtlingsbewegungen – die Welt befindet sich in Unordnung und dafür sind nach Ansicht von Carlo Masala die westlichen Staaten durchaus mitverantwortlich: Mit Interventionen und Nation Building hätten sie versucht, ihr liberales System zu exportieren, seien aber damit wiederholt gescheitert und hätten den jeweiligen Staaten vor allem geschadet. Masala hält folglich die Absicht, moralische Grundsätze in der Außenpolitik umsetzen zu wollen, für nicht sinnvoll. Er plädiert daher aus deutscher Sicht auf eine nüchterne, interessengeleitete Außenpolitik.

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