Bernd Greiner

9/11. Der Tag, die Angst, die Folgen

München: C. H. Beck 2011; 280 S.; geb., 19,95 €; ISBN 978-3-406-61244-2
„Ist unsere Demokratie wirklich so fragil?“ (14) Mit dieser von Seymour Hersh entliehenen Frage beginnt Greiner seine Rekonstruktion der Ereignisse des 11. Septembers 2001 und ihrer innen- wie außenpolitischen Folgen und man darf erwarten, dass das Buch mehr liefert als eine wieder neu präsentierte Faktensammlung. Vielmehr bemüht Greiner sich um eine Frageperspektive, die den Blick auf die Ränder der demokratisch normierten Gesellschaft richtet und die klären soll, „wie Demokratien mit realen oder imaginierten Gefahren umgehen und welchen Preis sie für den Ausnahmezustand zahlen“ (11). Wer gezielt dieser demokratietheoretischen Ausrichtung des Buches nachgehen möchte, kann nach der Einleitung die gut erzählte, jedoch weitgehend bekannte Geschichte der Terroranschläge von New York und Washington sowie der Kriege in Afghanistan und im Irak überspringen und die letzten beiden Kapitel lesen. Die Aushöhlung demokratischer Standards erfolgt – man denke etwa an die berüchtigte Metapher des „Ausziehens der Handschuhe" (208) – über die Ausweitung des mittelbaren Zugriffs des Staates auf den Körper des Menschen selbst. Der zur „Verfügungsmasse" (Elias Canetti) degradierte Körper wird zum Indikator für die schleichende Suspendierung von Habeas Corpus. Damit tritt im Zusammenhang mit dem sogenannten War on Terror eine Problematik offen zutage, die in der historischen Auseinandersetzung mit Ausnahmezuständen – man denke an die Urteile Ex parte Milligan oder Korematsu vs. United States aus dem 19. bzw. 20. Jahrhundert – nun auch ins 21. Jahrhundert hineinreicht. Die Frage, „welche Grund- und Freiheitsrechte [...] zwecks einer Abwehr terroristischer Fragen eingeschränkt" (225) werden können und müssen erweist sich somit als eine der zentralen Herausforderungen gegenwärtiger Demokratietheorie. Nimmt man die pessimistische Prognose Greiners hinsichtlich der kommenden Entwicklung in Afghanistan hinzu, dann gebührt der Auseinandersetzung mit ihr in der Tat höchste Priorität.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.41 | 2.25 | 2.64 | 4.22 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Bernd Greiner: 9/11. München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33656-911_40312, veröffentlicht am 04.05.2011. Buch-Nr.: 40312 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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