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Christian Tenbrock

Amerika - wohin?

Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1996; 255 S.; 36,- DM; ISBN 3-421-05033-3
Wohin entwickelt sich Amerika? Für die Beantwortung bereiste der Autor (Korrespondent der "ZEIT") die USA und bietet Situationsberichte aus sieben Bundesstaaten und Washington D.C. Die Leser erfahren u. a. vor dem Hintergrund des Alltags einer jungen dreiköpfigen Familie aus Vermont, daß sich die Armut in der arbeitenden Unterschicht der USA (the working poor) in den letzten 17 Jahren verdoppelt hat (101) und was dies ganz konkret bedeutet. Die Schilderung des Lebens in einer kleinen Gemeinde im Mittleren Westen zeigt, inwiefern ehemals konservativ-republikanische Überzeugungen der dort lebenden Bürger einer verbreiteten Skepsis und Distanz gegenüber jeglicher Politik - und besonders der Bundespolitik - gewichen sind. Die Leser lernen auch die modernen Möglichkeiten des US-Entrepreneurship kennen: Arbeitnehmer haben ihren geregelten Arbeitsplatz in der "Wissensindustrie" aufgegeben, um vom heimischen PC aus als Unternehmer, Consultant oder Investment-Broker per Fax und Modem ihre Dienste rund um die Uhr anzubieten. In einem Epilog eröffnet der Autor dann zwei Szenarien des Jahres 2030: 1. Die USA gezeichnet durch einen krassen Arm-Reich-Gegensatz ohne Mittelschicht, in dem Ausschreitungen, Plünderungen und Gewalttätigkeiten in zahllosen Städten zu den Tagesnachrichten gehören; 2. die USA, die durch ein umfassendes Reformprogramm (vor allem in der Bildung) und durch die Beteiligung vieler privater Organisationen und einzelner Personen, den Kampf gegen Armut und sozialen Mißstand gewonnen haben. Tenbrock macht den Lesern deutlich, inwiefern dieses Land heute an einem Scheideweg steht. Einerseits erscheine es als nicht unwahrscheinlich, daß die Entwicklung in Richtung des Negativszenarios verlaufen könnte. Andererseits hätte nach Zeiten tiefer Krisen auch oft eine Besinnung auf alte Ideale und Visionen eingesetzt, die Energien für eine Erneuerung freigesetzt hätten. Hier kann das angeführte Beispiel allerdings nicht überzeugen, denn der Sputnik-Schock der späten fünfziger Jahre ist mit den heutigen (existenziellen) Herausforderungen überhaupt nicht zu vergleichen.
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.64 Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Christian Tenbrock: Amerika - wohin? Stuttgart: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/1565-amerika---wohin_1781, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 1781 Rezension drucken