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Joachim Radkau / Lothar Hahn

Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft

München: oekom verlag 2013; 413 S.; 24,95 €; ISBN 978-3-86581-315-2
„Das Auf und Ab der Atomkraft ist eines der aufregendsten Dramen der bundesdeutschen Geschichte“ (9), schreibt der Historiker Joachim Radkau. Gemeinsam mit dem Physiker und Kernenergieexperten Lothar Hahn hat er sich einer neutralen Aufklärung dieser Nukleargeschichte verschrieben. Die Anfänge der deutschen Atompolitik in den 1950er‑Jahren seien geprägt gewesen von dem taktierenden Bundeskanzler Konrad Adenauer, dem eher behäbig agierenden Wirtschaftsminister Ludwig Erhard und dem ambitionierten Physiker Werner Heisenberg. Die Autoren beschreiben detailliert, welche Fragen offen diskutiert wurden und welche Überlegungen im Hintergrund die Entscheidungen beeinflussten. So weckte die Entscheidung des Kanzlers für Karlsruhe als Standort des ersten Reaktorzentrums – gegen die Empfehlung Heisenbergs – in dem Physiker Zweifel, „ob die letzten Ziele der Bundesregierung bei der Entwicklung der Kerntechnik wirklich friedlicher Art seien“ (33). Als Konsequenz zog er sich aus der Reaktorforschung zurück. Die ersten Jahre zeichneten sich weltweit durch die Angst vor „der Bombe“ aus, der eine von Wissenschaft und Politik getragene „Atomeuphorie“ (71) gegenüberstand. Dies mag ein Grund sein, warum die Öffentlichkeit die deutsche Atomwirtschaft lange kaum beachtete, was sich erst mit den Diskussionen um den Atomwaffensperrvertrag änderte. Hinsichtlich der in den 1970er‑Jahren entstehenden Anti‑Atomkraft‑Bewegung untersuchen Radkau und Hahn, „ob es sich um eine tatsächlich von den spezifischen Gefahren der Kerntechnik provozierte Bewegung handelte oder ob man sie als ein anderswo entsprungenes, erst sekundär gegen Kernkraftwerke gelenktes Protestpotenzial zu interpretieren hat“ (288). Ersteres sei zutreffend, ansonsten lasse sich der anhaltende Erfolg als „international stärkste Anti‑Atomkraft‑Bewegung“ (306) wohl nicht erklären. Auch führen die Autoren den Aufstieg der Grünen auf sie zurück. Sowohl die Kernenergie der DDR als auch die beiden großen Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima finden außerdem Eingang in das detailreiche Werk des interdisziplinären Autorengespanns. Ihnen gelingt es, neben einer Fülle von Information auch eine sachliche, nach allen Seiten offene Diskussion anzubieten – diese empfehlen sie auch mit Blick auf die alternativen Energien: das Diskursdefizit sei „eines der größten Handicaps der gegenwärtigen Energiepolitik“ (403).
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Rubrizierung: 2.343 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Joachim Radkau / Lothar Hahn: Aufstieg und Fall der deutschen Atomwirtschaft München: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38104-aufstieg-und-fall-der-deutschen-atomwirtschaft_43463, veröffentlicht am 26.02.2015. Buch-Nr.: 43463 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken