Wolfgang Richter / Irina Vellay

Bürgerarbeit – Teil der großen Umverteilung? Eine empirische Untersuchung am Beispiel der Stadt Dortmund. Forschungsbericht

Köln: PapyRossa Verlag 2014; 112 S.; 10,- €; ISBN 978-3-89438-553-8
Das Modellprojekt Bürgerarbeit wurde 2010 von der Bundesregierung als Instrument der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik und als Einführung des Öffentlichen Beschäftigungssektors initiiert. Damit sollte Langzeitarbeitslosen im Arbeitslosengeld II‑Bezug kostenneutral eine öffentlich geförderte Beschäftigung angeboten werden. Im Unterschied zu vorhergegangenen Maßnahmen umfasst dieses Modell unter anderem eine erste sechsmonatige Aktivierungsphase als Voraussetzung für einen Bürgerarbeitsplatz sowie eine sozialpädagogische Begleitung in Form von Jobcoaches. Bundesweit wurden 34.000 Bürgerarbeitsplätze eingerichtet, davon 523 in Dortmund, dem Fallbeispiel dieser Studie. Wolfgang Richter und Irina Vellay, die bereits das Vorläuferprogramm der „Ein‑Euro‑Jobs“ in Dortmund untersuchten, haben die Implementation und Durchführung der Bürgerarbeit kritisch begleitet. Ihr Ziel war es, die unmittelbar Betroffenen und direkt Beteiligten im Verlauf des Experiments in ihren Arbeitsbeziehungen und bei ihren täglichen Aufgaben zu begleiten. In zwei Interviewphasen wurden Bürgerarbeiter_innen, Anleiter_innen, Jobcoaches und Arbeitsvermittler_innen zu ihrem Arbeitsfeld, den Vertragsverhältnissen, ihrer Einschätzung des Programms und des gesellschaftlichen Wandels sowie zu ihren persönlichen Lebenssituationen befragt. Das Forschungsprojekt umfasste darüber hinaus einen Workshop über erste Zwischenergebnisse der Befragungen sowie eine Expertentagung mit Vertreter_innen aus der Kommune, Personalräten, Gewerkschaften, Erwerbsloseninitiativen sowie Programmverantwortlichen. Im Ergebnis erweise sich das Modell Bürgerarbeit für die Betroffenen allenfalls als „begrenztes Glück ohne Ausstieg“ (48): „Fast alle sehen für sich keine Zukunft auf dem Arbeitsmarkt. Man ist bescheiden geworden, größere Wünsche hat man nicht mehr und Pläne für die Zukunft werden kaum gemacht.“ (49) Zudem deuten die Befunde auf eine Verdrängung regulärer Beschäftigung und insgesamt belegen Richter und Vellay an diesem konkreten Beispiel, dass Programmbeschäftigung „gerade in den städtischen Problemzonen eine zentrale Rolle in der Verstärkung der ordnungspolitischen Kontrolltiefe und bei Versuchen spielt, mit Nothilfe‑ und Armenhilfeangeboten ‚Armut’ als normale Lebenslage lebbar zu gestalten“ (72).
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Rubrizierung: 2.3422.325 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Wolfgang Richter / Irina Vellay: Bürgerarbeit – Teil der großen Umverteilung? Köln: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38328-buergerarbeit--teil-der-grossen-umverteilung_46413, veröffentlicht am 23.04.2015. Buch-Nr.: 46413 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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