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W. J. T. Mitchell

Das Klonen und der Terror. Der Krieg der Bilder seit 9/11. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2011; 288 S.; 28,90 €; ISBN 978-3-518-58569-6
Der an der Universität Chicago lehrende Kunsthistoriker Mitchell untersucht „die Rolle sprachlicher und visueller Bilder im Krieg gegen den Terror“ (9 f.) und erkennt Parallelen zur Figur des Klonens als „Bild des Abbildens schlechthin“ (10). Denn der auf plumpes Freund-Feind-Denken gestützte War on Terror des von Missionseifer getriebenen George W. Bush führte zu Menschenrechtsverletzungen (Guantanamo, Abu Ghraib), die die USA moralisch diskreditierten und den Djihadisten bei der Rekrutierung fanatisierter Kämpfer in die Hände spielten. Neue, sich selbst erzeugende Terrorzellen entstanden und bildeten damit das Muster des Klonens ab, das der Autor als typisches Merkmal des sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitenden Terrorismus beschreibt. Neben dem „Klonen des Terrors“ (Kapitel 2) kam nach 9/11 auch eine – ebenfalls mit religiösen Argumenten erbittert geführte – Debatte über das Klonen, die Stammzellforschung und damit verbundene bioethische und -politische Fragen auf. Das Klonen wurde so zum „Urbild des Feindes in den Ängsten, die sich um menschliche Fortpflanzung, um Abtreibung, Homosexualität und den ganzen Bereich der Biotechnologie ranken“ (12 f.). Mitchell will mit seiner bildtheoretischen Analyse „geschichtliche Amnesien“ (15) verhindern und sieht das Buch als Teil eines War on Error (Krieg gegen den Irrtum), um die Deutungshoheit über Symbolbilder wie die zum „Weltbild“ (201) und zur Ikone der Gegenwart gewordene Fotografie des Kapuzenmannes von Abu Ghraib nicht an ideologische Scharfmacher preiszugeben, die den War on Terror als heiligen Krieg inszenierten. In neun tiefsinnigen Kapiteln widmet sich Mitchell einer Fülle von Aspekten, die den Krieg der Bilder seit 9/11 buchstäblich illustrieren. Er thematisiert die Bilderwende („pictorial turn“, 109) des mit scharf kontrastierenden visuellen Darstellungsstrategien einhergehenden Überganges von George Bush zu Barack Obama ebenso wie das Phänomen einer irrationalen Angst vor dem Klonen (Klonophobie). Im Abschnitt „Die Lage der Nation oder Jesus kommt nach Abu Ghraib“ (195-223) erörtert Mitchell die frappierende ikonografische Verwandtschaft der schockierenden Folterbilder mit Christus-Darstellungen und enthüllt damit eine Dimension, die im tiefreligiösen christlichen Amerika, dessen Evangelical Right zu den energischen Unterstützern des Kriegskurses der Bush-Administration gehörte, besondere Brisanz birgt.
Ulrich Heisterkamp (HEI)
Politikwissenschaftler, Doktorand am Institut für Politikwissenschaft der Universität Regensburg.
Rubrizierung: 2.64 | 2.22 | 2.24 | 4.41 | 5.42 | 5.44 Empfohlene Zitierweise: Ulrich Heisterkamp, Rezension zu: W. J. T. Mitchell: Das Klonen und der Terror. Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/34249-das-klonen-und-der-terror_41107, veröffentlicht am 06.10.2011. Buch-Nr.: 41107 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken