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Stefan Breuer

Der charismatische Staat. Ursprünge und Frühformen staatlicher Herrschaft

Darmstadt: WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft 42014; 319 S.; 49,95 €; ISBN 978-3-534-26459-9
Im Kontext der Allgemeinen Staatslehre hat der Staatsbegriff eine spezifische Bedeutung; er ist kein kulturenübergreifendes Phänomen, sondern bezeichnet die sich im neuzeitlichen Europa herausbildende politische Organisationsform. Umgekehrt tendieren Disziplinen wie die Anthropologie oder Archäologie zu einem wesentlich weiteren Verständnis, das Formen früher Staatlichkeit weit vor der Neuzeit datiert und nicht auf Europa beschränkt. Angesichts dieses Auseinanderklaffens von juristischen und anthropologischen Diskursen möchte Stefan Breuer mit seiner Studie versuchen, „die Ignoranzschwelle nach beiden Seiten zu senken“ (11). Um Entstehungsprozesse des Staates geht es empirisch in sieben Fallstudien, die frühgeschichtliche Zivilisationen in China, Mesopotamien, Ägypten und der Ägäis analysieren. Den die Fallstudien leitenden begrifflichen Rahmen entwickelt Breuer – ausgewiesener Max Weber‑Kenner – im Rückgriff auf Webers Staatskonzeption unter der Fragestellung, „wie viele Abstriche von ihr gemacht werden können, ohne damit die Sphäre zu verlassen, innerhalb derer noch von Staat die Rede sein kann“ (12). Zwar bezieht sich Webers klassische Definition in „Wirtschaft und Gesellschaft“ auf den modernen rationalen Anstaltsstaat. Breuer übernimmt davon die Merkmale des politischen Verbandes – insbesondere dessen Gebietsbezug – und die des Charismas als herrschaftsstabilisierende Legitimitätsgeltung, um Frühformen des Staates identifizieren zu können. Ihn interessieren in diesem Zusammenhang vor allem jene Formationen, in denen die Leiter des politischen Verbandes nur über einen rudimentären Erzwingungsstab verfügten und – statt Mittel eines Gewaltmonopols einsetzen zu können – auf Formen „psychischen Zwangs“ (16) angewiesen waren, um Gefolgschaft zu sichern. Die von Breuer untersuchten Fälle gehören in das Stadium zwischen egalitären Gesellschaften und Staaten mit zentralisierter, militärisch gestützter Macht und sind Spielarten charismatischer Theokratie, bei denen die Herrscher auf Basis kultischer Praktiken die Götter gegenüber den Herrschaftsunterworfenen repräsentierten.
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Rubrizierung: 5.15.315.345.412.612.652.662.682.63 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Stefan Breuer: Der charismatische Staat. Darmstadt: 42014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38407-der-charismatische-staat_46195, veröffentlicht am 13.05.2015. Buch-Nr.: 46195 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken