Skip to main content
Jürgen Manemann

Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?

Bielefeld: transcript Verlag 2015 (X-Texte); 132 S.; kart., 14,99 €; ISBN 978-3-8376-3324-5
Die Frage der Anziehungskraft des zeitgenössischen Dschihadismus wird spätestens seit dem IS‑Phänomen breit diskutiert. Der Politikphilosoph und Theologe Jürgen Manemann nähert sich dem komplexen Phänomen nicht mit dem Blick in den islamischen Schriftkanon, sondern mit einer Bestandsaufnahme der westlichen Gesellschaft. Die Freiheit, die auch als Orientierungslosigkeit verstanden werden könne, liefere zusammen mit den gleichzeitig häufig gemachten Diskriminierungserfahrungen vieler Einwandererkinder den Nährboden für die Hinwendung zu radikalen Welterklärungssystemen. Gerade die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit verhindere beziehungsweise verringere die Befähigung zur Empathie gegenüber anderen Menschen. Die hier attestierte Orientierungslosigkeit in westlichen Gesellschaften erinnert an die Erfahrungen der Kinder in Janne Tellers Jugendbuch „Nichts“ (Hanser Verlag 2010), das von der Sinnlosigkeit des Lebens handelt. Während für Manemann Religion selbst nur ein sekundäres Movens der Täter darstellt, sieht er im Dschihadismus eine Gewaltphilosophie zum Zwecke einer Selbstbestätigung der eigenen Macht und Bedeutung. Der Islamische Staat sei indes auch kein richtiger Staat und basiere lediglich auf einer Kultur des Kampfes. Einen Lösungsansatz sieht er in einer doppelten Strategie der militärischen Zerschlagung des IS sowie einer politischen Wende, mit der Jugendlichen vermittelt wird, dass sie eine Mitsprache bei der Gestaltung ihrer gesellschaftlichen und politischen Zukunft haben. Seine These, dass Religion eine gänzlich untergeordnete Rolle spiele beziehungsweise der IS lediglich ein Gewaltstaat sei, greift etwas zu kurz und ignoriert den historischen und kulturellen Kontext. Dennoch ist das Buch eine sinnvolle Ergänzung der gängigen Literatur zum Thema. Manemann legt den Fokus auf die Psyche der Akteure sowie den soziopolitischen Kontext des Westens. Dabei betont er, dass sich ein derart komplexes Phänomen nicht monokausal aus religiösen, sozialen oder ethischen Blickwinkeln heraus erklären lässt.
{MRO}
Rubrizierung: 2.255.425.44 Empfohlene Zitierweise: Michael Rohschürmann, Rezension zu: Jürgen Manemann: Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Bielefeld: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39492-der-dschihad-und-der-nihilismus-des-westens_47981, veröffentlicht am 03.03.2016. Buch-Nr.: 47981 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken