Skip to main content
Paul J. J. Welfens

Der Kosovo-Krieg und die Zukunft Europas. Diplomatieversagen, Kriegseskalation, Wiederaufbau, Euroland

München: Olzog 1999; 203 S.; pb., 29,80 DM; ISBN 3-7892-8024-0
Um es vorwegzunehmen: Dieses Buch ist ein einziges Ärgernis. Zwei Fragen wirft es bereits nach der Lektüre der Einleitung auf: Hat der Verlag das Manuskript dieses Buches überhaupt gelesen? Und: Ist dem Autor seine Unkenntnis in Fragen der internationalen Beziehungen und seine Selbstgefälligkeit eigentlich nicht peinlich? Wenn ein Wirtschaftswissenschaftler im Bereich der Internationalen Beziehungen forscht, so könnten sich neue und fruchtbare Perspektiven ergeben. Nicht so jedoch bei diesem Opus: Der Autor, Präsident des Europäischen Instituts für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Potsdam, hat mit seinem Buch im memoirenhaften Plauderstil eine wüste Mischung aus Banalitäten, Gerüchten und unbewiesenen Zusammenhängen verfasst. Dabei verspricht er viel: "Geschildert wird die wahre Geschichte des Kosovo-Kriegs, soweit sie der Autor durch exzellente Kontakte zu Wissenschaft und Politik in Washington, Brüssel und Moskau rekonstruieren kann." (8 f.) Dieser Ton dominiert das gesamte Buch: Der Autor hat schon immer alles besser gewusst als die verantwortlichen Politiker und hat die intimsten Quellen zur Verfügung. Die Kenntnisse seiner Gesprächspartner in Washington nutzt er für seine Überlegungen zum Kosovo-Konflikt allerdings nur begrenzt. Stattdessen widmet er seine Aufmerksamkeit anderen Dingen: "Ich bin mit einem Kollegen zum Lunch verabredet. Er erklärt mir nach kurzer Begrüßung, dass er noch seine puertorikanische Haushälterin nach Hause chauffieren muß, nach einer guten Viertelstunde haben wir die dunkle Schönheit abgesetzt." (16) Mit derartigen Schlichtheiten peinigt der Autor den Leser das gesamte Buch hindurch, das sich selbst laut Klappentext als "zukunftsweisend" begreift. Auch inhaltlich ist das Werk erschütternd: Weder kennt der Autor die den Kosovo betreffenden VN-Resolutionen, noch hat er die NATO-Politik gegenüber der Führung in Belgrad verstanden. Wie auch, wenn er über den Kosovo-Konflikt schreibt, diesen aber nicht in den Zerfallsprozess Jugoslawiens einbetten kann? Auch die Ziele von internationalen Organisationen sind ihm nur schemenhaft klar. Es verwundert daher den Leser kaum noch, dass Welfens die NATO dafür verantwortlich macht, die Vertreibungen und Angriffe auf die albanische Minderheit erst richtig angefacht zu haben. Der "Dokumententeil" des Buches enthält dementsprechend auch kein Einziges, den Kosovo-Konflikt betreffendes Dokument der NATO oder der Vereinten Nationen. Stattdessen eröffnet Welfens diesen Teil des Buches mit "Theoretischen Ansätzen zur Behandlung des Rüstungswettlaufs". Wie diese mit dem Kosovo zusammenhängen, bleibt das Geheimnis des Autors. Damit ist ein weiteres Grundproblem des Buches benannt - alles hängt bei Welfens irgendwie zusammen: Der Kosovo-Krieg, die deutsche Beteiligung daran, ein möglicher Sitz der Bundesrepublik im VN-Sicherheitsrat, der Euro, die Globalisierung, die EU-Osterweiterung usw. Zum Teil überschreitet Welfens dabei die Grenze zur Groteske: "Einerseits schien es im Jugoslawien-Krieg um das kleine Kosovo zu gehen, doch dieser erste humanitäre Krieg hat in Wahrheit Dimensionen bis Moskau, Peking und Neu-Delhi, ja bis in den Weltraum." (15) Ein wenig moralische Entrüstung ersetzt eben doch nicht das Nachdenken, wenn man ein wissenschaftliches Buch schreiben möchte. Inhaltsübersicht: I. Kosovo-Konflikt und Jugoslawien-Krieg; II. Moderne Theorie von Krieg und Frieden; III. Der Weg am Abgrund und zum Wiederaufbau; IV. Euroland als Rivale der USA; V. Neue nichtmilitärische Konfliktlösungsverfahren; VI. Vom Krieg hin zum Friedensprozeß – eine politische Bewertung.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 4.41 | 2.62 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Paul J. J. Welfens: Der Kosovo-Krieg und die Zukunft Europas. München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/12349-der-kosovo-krieg-und-die-zukunft-europas_14750, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 14750 Rezension drucken