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Günter Kast

Der schwierige Abschied von der Vorherrschaft. Die Vereinigten Staaten von Amerika und die neue internationale Ordnung im asiatisch-pazifischen Raum

Münster: Lit 1998 (Münchener Beiträge zur Geschichte und Gegenwart der internationalen Politik 7); II, 284 S.; brosch., 49,80 DM; ISBN 3-8258-3876-5
Politikwiss. Diss. München. - Die sicherheits- und handelspolitischen Beziehungen zu den Staaten Ostasiens bilden eine der zentralen Herausforderungen für die amerikanische Außenpolitik in den kommenden Dekaden. Die jüngsten sicherheitspolitischen Verwerfungen zwischen China und Taiwan sowie zwischen Nordkorea und Südkorea bzw. Japan haben dies eindrucksvoll untermauert. Vor diesem Hintergrund entwickelt der Autor die Kernthese seiner Dissertation, derzufolge die gegenwärtige, auf einer amerikanischen Hegemoniestellung und bilateralen Vereinbarungen beruhende Sicherheitsarchitektur mittel- bis langfristig einer multipolaren Staatenwelt weichen werde. Deren Stabilität hänge entscheidend davon ab, ob tragfähige Ansätze für eine sicherheitspolitische Kooperation in der Region existieren bzw. neu entstehen. Die USA würden bislang mit ihrem Beharren auf bilateralen Abkommen mit regionalen Akteuren eine umfassende regionale Sicherheitsstruktur verhindern. Als Alternative fordert der Autor von den USA die schrittweise Beendigung ihrer Militärpräsenz in Fernost, um eine Provokation Chinas zu vermeiden und die Gefahr zu minimieren, ungewollt in einen militärischen Konflikt involviert zu werden. Die Vereinigten Staaten sollten statt dessen die Rolle eines "distanzierten Gleichgewichtsherstellers" in Ostasien übernehmen, der die Machtbalance zwischen Rußland, China und Japan im Gleichgewicht halten hilft. Zuerst gilt es anzumerken, daß der Autor eine anregende und in sich kohärente Studie aus dem Bereich der internationalen Beziehungen vorgelegt hat, auch wenn der Rezensent die Schlußfolgerungen nicht teilen kann. Doch zwei Kritikpunkte sind anzumerken. Zum einen verkennt der Autor wichtige Grundzüge der chinesischen Außenpolitik in der Region, die man auf Grund von Pekings Rüstungsprogrammen und den jüngsten Drohgebärden gegenüber Taiwan zumindest als expansionsbereit charakterisieren muß. Daher scheint es wenig ratsam, den USA zu empfehlen, "der Volksrepublik eine westpazifische Einflußzone zuzugestehen" (256). Auch die leitende Prämisse in diesem Bereich, daß nämlich China kein Gegner der USA in der Region, sondern im Gegenteil ein hinreichend kooperativer Partner sein wird, scheint angesichts eines möglichen Taiwan-Konfliktes durchaus überholungsbedürftig. Auch die Friedensbereitschaft Nordkoreas schätzt der Autor angesichts des koreanischen Raketenprogramms und der ungeklärten Nuklearoptionen allzu optimistisch ein. So mahnt er eine Friedensordnung an, die einen stufenweisen Rückzug der amerikanischen Bodentruppen einschließt bzw. ihren Ersatz durch UN-Verbände. Der zweite Kritikpunkt zielt auf eine Grundthese der Arbeit: Der Autor geht selbstverständlich davon aus, daß sich ein System von Multipolarität in Ostasien entwickeln werde. Dieses Leitmotiv ist zur Zeit kaum zu halten: Rußland ist ökonomisch auf dem Wege zu einem Entwicklungsland und einem anhaltenden Zerfall staatlicher Autorität ausgesetzt, Japan ist gegenwärtig durch die Überwindung seiner wirtschaftlichen Schwierigkeiten außenpolitisch gebunden und Chinas innen- wie wirtschaftspolitischer Weg scheint kaum absehbar. Diese Faktoren stützen eher die Unipolaritätsthese, die für Ostasien eine unveränderte militärische Präsenz der USA und bilaterale, von den regionalen Akteuren gewünschte Sicherheitsvereinbarungen bedeutete. Eine regionale Sicherheitsstruktur, die der KSZE oder gar der EU ähnelte, wird angesichts regionaler Hegemonialansprüche mehrerer Akteure wohl auf absehbare Zeit unrealistisch bleiben. Inhaltsübersicht: Teil 1: 1. Das Ende der Pax Americana in Ostasien; 2. Die Antwort der USA auf ein multipolares Ostasien; 3. Der Weg zu einem neuen regionalen Machtgleichgewicht. Teil 2: 1. Von Geopolitics zu Geoeconomics?; 2. Institution-building und die Rolle der USA: Bremser oder Katalysator?; 3. Eine KSZE für Ostasien? - Chancen und Grenzen des "Modell Europa"; 4. Sicherheit durch Kooperation; 5. Evaluation des neuen sicherheitspolitischen Diskurses in Ostasien. Teil 3: 1. Von der Uni- zur Multipolarität: Die Suche nach einer alternativen US-Strategie. Fazit: Die Vereinigten Staaten als "distanzierter Gleichgewichtshersteller".
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 4.22 | 2.64 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Günter Kast: Der schwierige Abschied von der Vorherrschaft. Münster: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/7795-der-schwierige-abschied-von-der-vorherrschaft_10341, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10341 Rezension drucken