Oliver Jens Schmitt

Die Albaner. Eine Geschichte zwischen Orient und Okzident

München: C. H. Beck 2012 (Beck'sche Reihe 6031); 184 S.; 14,95 €; ISBN 978-3-406-63031-6
Dieser Band über die wesentlichen Entwicklungen in Herrschaft, Gesellschaft und Kultur der Albaner zeichnet sich durch einen Ansatz aus, der zugleich sehr alt und äußerst modern ist. Oliver Jens Schmitt, Professor für die Geschichte Südosteuropas in Wien, wählt gerade nicht die Nation und damit die Geschichte des Staates zum Dreh- und Angelpunkt, sondern stellt die Menschen als Mitglieder einer Sprachgemeinschaft vor. Politisch motivierte Ausdeutungen über ihre Herkunft und Siedlungsgeschichte lässt er nur gelten, sofern sie zu belegen sind. Und so gelingt ihm eine informative Darstellung der vielschichtigen Entwicklung eines Volkes, das unter wechselnden Herrschaften seine Eigenheiten behielt und doch auch geformt wurde – vor allem durch den Übergang vom Christentum zum Islam unter osmanischem Einfluss. Interessant sind die innerislamischen Ausdifferenzierungen und die muslimische Strategie, ältere und auch christliche Traditionen zu integrieren. Schmitt stellt zudem weitere albanische Besonderheiten wie das traditionelle Gewohnheitsrecht vor und erläutert dabei nicht nur die Blutrache, sondern auch das einstige Recht unverheirateter Frauen, ihr soziales Geschlecht zu wechseln und als Mann mit allen Rechten zu leben. Aufschlussreich ist das (leider nur die Zeit bis 1900 umfassende) Kapitel über die albanische Geschichte als Integrationsgeschichte, in dem Schmitt die Migration nicht aus ethnischer Perspektive darstellt, sondern als eine Suche nach Arbeit und Auskommen identifiziert. Während der Schwerpunkt des Bandes auf der Historie liegt, sind die beiden letzten Kapitel der Zeit nach 1945 und der Gegenwart gewidmet. Zwar lässt sich auf diesem knappen Raum nicht die Geschichte des albanischen Steinzeit-Kommunismus und die Stellung der Albaner im jugoslawischen Kosovo vertiefend darstellen. Dennoch wird eine Ahnung davon vermittelt, dass die gegenwärtigen Probleme in Albanien und im albanisch geprägten Kosovo vor allem in dieser jüngeren und der jüngsten Vergangenheit ihre Wurzeln haben – dazu zählen „Deindustrialisierung, Rückfall der Landwirtschaft auf kaum mechanisierte Subsistenzwirtschaft, fragiles staatliches Gewaltmonopol (regionales Wiederaufleben von Gewohnheitsrecht und Blutrache), Repatriarchalisierung des Geschlechterverhältnisses, massive Umweltverschmutzung und -zerstörung [...] bei starker Landflucht, steigender Kriminalität und zahlreichen nie aufgeklärten Mafiaanschlägen“ (179). Als Hoffnungsträger setzt Schmitt in seinem Epilog auf die junge, gut ausgebildete Generation, die mit einer funktionierenden Demokratie den albanischen Gesellschaften den Weg nach Europa öffnen will.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.23 | 4.1 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Oliver Jens Schmitt: Die Albaner. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35057-die-albaner_42194, veröffentlicht am 09.08.2012. Buch-Nr.: 42194 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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