Michael Gehler / Paul Luif / Elisabeth Vyslonzil (Hrsg.)

Die Dimension Mitteleuropa in der Europäischen Union. Geschichte und Gegenwart

Hildesheim/Zürich/New York: Georg Olms Verlag 2015 (Historische Europa-Studien 20); 499 S.; 68,- €; ISBN 978-3-487-15268-4
Der Mitteleuropa‑Begriff hat eine wechselvolle Geschichte. Lange als deutsches Hegemonialkonzept verrufen, avancierte er in den 1980er‑Jahren zur utopisch‑ideellen Bezugsgröße von Intellektuellen etwa aus der Tschechoslowakei und aus Ungarn, die in Mitteleuropa eine Alternative zur sowjetischen Vorherrschaft zu erblicken glaubten. Die Beiträge des Bandes, die auf eine Tagung im November 2012 in Wien zurückgehen, thematisieren diese historischen Spuren und fragen nach aktuellen Bezugnahmen im Kontext der Europäischen Union. Ein besonderer Schwerpunkt der Aufsätze wie der beigefügten ausführlichen Bibliografie liegt auf Österreich und seinen Nachbarländern. Eine genaue Definition des Begriffs und des mit ihm bezeichneten Raumes ist nicht möglich, wie in mehreren Beiträgen betont wird. So erscheint er laut Lászl Ó Kiss als ein „funktionaler Begriff, der auf sehr verschiedene politische Organisationsformen und wechselnde geographische Räume“ (161) Anwendung findet. Ein Beispiel sei etwa die Visegrád‑Gruppe mit Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn. Gerade hier diente und dient er vor allem auch als Ausdruck einer westlichen Orientierung dieser Staaten, die der ihnen zugeschriebenen östlichen Verortung im Kontext der EU – Stichwort „Osterweiterung“ – eine Alternative entgegensetzen wollen. Als gemeinsames Merkmal wird an verschiedenen Stellen gerade aufgrund ihrer Uneindeutigkeit der Brückencharakter der Region betont. Zlatko Šabi? zeigt dies am Beispiel Sloweniens und seiner Kontaktfunktion ins südöstliche Europa. Deutlich wird bei alledem, dass der Begriff zumindest in seiner deutschsprachigen Fassung insgesamt wohl zu diffus und ambivalent sein dürfte, um heute wirklich eine produktive Rolle im politischen Prozess zu spielen. Hans Peter Hye bezeichnet ihn denn auch als ein „Phantom“, „heute […] zu einem nichtssagenden Lippenbekenntnis verkommen“ (275). Gleichwohl bildete er zumindest deklaratorisch einen wichtigen Bezugspunkt etwa der österreichischen Außenpolitik, wie Paul Luif ausführt. Hier wird er verstanden als „eine tief verwurzelte historische und kulturelle Verbundenheit der Bewohner dieser Region, die sich nicht klar abgrenzen lässt“ (280). Anders als etwa vom ehemaligen Vizekanzler Erhard Busek – selbst mit einem Essay im Band vertreten – vorgesehen, haben sich hier bislang, so Luif resümierend, „kaum konkrete Ergebnisse für Österreichs Stellung in der EU ergeben“ (314). Ob das unter anderem von Busek oder von Emil Brix – Historiker und langjähriger österreichischer Botschaft in London, jetzt in Moskau – in ihren Beiträgen herausgestellte Potenzial von Begriff und Region entfaltet werden kann, scheint damit eher fraglich.
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Rubrizierung: 3.1 | 2.4 | 2.21 | 4.22 | 2.61 | 2.23 | 3.7 | 4.21 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Michael Gehler / Paul Luif / Elisabeth Vyslonzil (Hrsg.): Die Dimension Mitteleuropa in der Europäischen Union. Hildesheim/Zürich/New York: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39782-die-dimension-mitteleuropa-in-der-europaeischen-union_48298, veröffentlicht am 23.06.2016. Buch-Nr.: 48298 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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