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Axel Honneth

Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2015; 168 S.; 22,95 €; ISBN 978-3-518-58678-5
Das Versiegen utopischer, über die kapitalistische Gesellschaftsformation hinausweisender Perspektiven ist ein Befund, der in etlichen Zeitdiagnosen teils konstatiert, teils beklagt wird. Weil auch seine große Studie „Das Recht der Freiheit“ (2011, siehe Buch‑Nr. 40805) zum Teil so gelesen worden sei, als habe er sich von der Möglichkeit gesellschaftlicher Transformation verabschiedet, verfolgt Axel Honneth mit diesem Essay das anspruchsvolle Ziel, der Idee des Sozialismus „eine unserer Gegenwart gemäße Gestalt zu verleihen“ (163). In den ersten beiden Teilen geht es um eine Rekapitulation der – sei es internen, sei es externen – Gründe, die zur Erosion der sozialistischen Idee geführt haben, und in den folgenden beiden Teilen wird der Versuch einer konzeptionellen Reformulierung zentraler Positionen der sozialistischen Tradition unternommen. Zur Einordnung des Textes sollten, so der Autor, zwei Prämissen bedacht werden: erstens greifen die Überlegungen keine strategischen Fragen aktueller Politik auf, sie haben vielmehr metapolitischen Charakter; zweitens wird der Sozialismus nicht lediglich als weitere Konzeption normativer Gerechtigkeit, sondern als Theorie mit praktischem Anspruch verstanden. Zunächst rekonstruiert Honneth unter Bezug auf Saint‑Simon, Fourier, Blanc, Proudhon und Marx die ursprüngliche Idee des Sozialismus, Gesellschaft am Modell einer Gemeinschaft auszurichten, die zugleich als Bedingung und Trägerin sozialer Freiheit fungiert. Darauf aufbauend behandelt er die drei „Geburtsfehler des sozialistischen Projekts“ (50), die wesentlich aus dessen Bindung an den Geist des Industrialismus herrühren: den mit einem defizitären Verständnis des Politischen verkoppelten Ökonomismus, die klassentheoretische Behauptung eines handlungsfähigen (proletarischen) Kollektivsubjekts und die Vorstellung eines objektiv determinierten Fortschritts. Die Überlegungen zur Reformulierung der überholten gesellschaftstheoretischen Grundannahmen beziehen sich in einem ersten Schritt auf das Geschichtsverständnis eines heutigen Sozialismus. Gegen die marxistische Gleichsetzung von Markt und Kapitalismus, die nur Planwirtschaft als Alternative zuließ, skizziert Honneth – in enger Anlehnung an Dewey – das Modell eines geschichtlichen Experimentalismus, der sich gleichermaßen von historischen Gesetzmäßigkeiten wie von der Bindung an politisch privilegierte Trägergruppen verabschiedet. Im zweiten, abschließenden Schritt zeigt Honneth, dass und wie sich ein erneuerter Sozialismus auf das „Faktum der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaften“ (83) einstellen müsste. Dabei sind nach Honneth zwei Punkte von zentraler Bedeutung, zum einen die Idee einer demokratischen Lebensform, die auf das Zusammenspiel der drei unabhängigen Freiheitssphären – persönliche Beziehungen, wirtschaftliches Handeln, politische Willensbildung – ausgerichtet ist, und zum anderen die Anerkennung, dass heute die demokratische Öffentlichkeit der alleinige Adressat sozialistischer Perspektiven sein kann.
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Rubrizierung: 5.422.22 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Frankfurt a. M.: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/39743-die-idee-des-sozialismus_47882, veröffentlicht am 09.06.2016. Buch-Nr.: 47882 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken