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Sandro Mezzadra / Andrea Fumagalli (Hrsg.)

Die Krise denken. Finanzmärkte, soziale Kämpfe und neue politische Szenarien

Münster: Unrast 2010; 176 S.; 18,- €; ISBN 978-3-89771-509-7
Der Sammelband enthält acht Beiträge durchaus namhafter und globalisierungskritischer Autoren, die alle dem „UniNomade“-Netzwerk angehören – einem Kreis von Forschern und Aktivisten aus drei Generationen, die vornehmlich aus Italien, Frankreich, Spanien sowie einigen Ländern Lateinamerikas stammen und die theoretisch und politisch dem sogenannten (Post-)Operaismus zuzuordnen sind. Dabei handelt es sich um eine neomarxistische Strömung, die ihren Ausgangspunkt Anfang der 60er-Jahre in Norditalien hatte. Der Band ist das Ergebnis zweier Seminare, die in den Jahren 2008 und 2009 stattfanden und versteht sich deshalb als „das Resultat einer kollektiven Diskussion“ (19), an der sich auch „AktivistInnen“ aus den oben genannten Ländern beteiligten. Diese Zusammenarbeit mündet in einen Zehn-Thesen-Katalog des Netzwerkes UniNomade. Der sprachliche Duktus der Beiträge kann kaum die ideengeschichtliche Herkunft verbergen und mag für Menschen, die mit der neomarxistischen Terminologie nicht vertraut sind, stellenweise vielleicht etwas antiquiert erscheinen. Dennoch enthält der Band durchaus erfrischend konträre Perspektiven zu den gängigen Erklärungsansätzen der derzeit schwelenden Finanz- und Wirtschaftskrise. So werden verschiedentlich Aspekte eingebracht, die in diesem Kontext sonst kaum zu finden sind. So befasst sich Tiziana Terranova zum Beispiel mit „New Economy, Finanzialisierung und gesellschaftliche[r] Produktion im Web 2.0“ (129 ff.) und unterzieht damit die ansonsten stark positiv bewerteten Entwicklungen im Internet einer kritischen Würdigung. Andrea Fumagalli thematisiert demgegenüber Aspekte sozioökonomischer Governance der Weltwirtschaftskrise. Eine andere interessante Perspektive dieser Art ist die Überlegung von Christian Marazzi, der eine Wurzel der gegenwärtigen Krise in der „Privatisierung des deficit spendings“ (39) sieht und damit die Schaffung einer privaten Konsumnachfrage auf Pump meint. Durch solche Betrachtungen wird der Zusammenhang zwischen öffentlicher und privater Verschuldung wieder anschaulich ins Bewusstsein gerückt, der in der gegenwärtigen Diskussion oft nicht hinreichend Beachtung findet.
Henrik Scheller (HS)
Dr. phil., Dipl.-Politologe, wiss. Mitarbeiter, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, Lehrstuhl Politik und Regieren in Deutschland und Europa, Universität Potsdam.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 4.43 | 5.45 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Sandro Mezzadra / Andrea Fumagalli (Hrsg.): Die Krise denken. Münster: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33185-die-krise-denken_39669, veröffentlicht am 24.11.2011. Buch-Nr.: 39669 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken