Patrick Bahners

Die Panikmacher. Die deutsche Angst vor dem Islam. Eine Streitschrift

München: C. H. Beck 2011; 320 S.; geb., 19,95 €; ISBN 978-3-406-61645-7
Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ löste eine heftige Integrationsdebatte aus. Während die etablierte Politik dessen Ansichten vornehmlich ablehnend aufnahm, fand in den Feuilletons eine durchaus differenzierte Diskussion statt. Die Bild-Zeitung wiederum stand hinter Sarrazin. Patrick Bahners, Feuilleton-Chef der FAZ, legt nun eine Art „Anti-Sarrazin“ vor. Es geht ihm dabei auch um die kritische Auseinandersetzung mit dem Datenmaterial. Im Kern handelt es sich jedoch um eine fulminant geschriebene Analyse der Islamkritik und ihrer Protagonisten. Thematisiert werden u. a. die Thesen, Biografien und medialen Vorgehensweisen von Necla Kelek, Thilo Sarrazin, Henryk M. Broder, Ralph Giordano, Bassam Tibi oder Ayaan Hirsi Ali. In Bezug auf Peter Sloterdijks These, die Reaktionen auf Sarrazins Interview im Jahre 2009 („Kopftuchmädchen“) seien Ausdruck einer „Tyrannei der herrschenden Meinung“, schreibt Bahners deutlich polemisch: „Denunziationen eines Redemachermonopols, hinter dem sich die Feigheit von Volksfeinden verschanze, liefen früher nur in rechtsradikalen Kreisen um“ (18). Der Autor kann jedoch auch anders. Aufschlussreich sind die Analysen des Werks von Necla Kelek. Dabei zeigt er, wie sehr sich die Publizistin als Islamkritikerin radikalisiert hat. Bahners Buch leistet viel: eine Aufarbeitung der Debatte zum Thema Islam in Deutschland, eine Darstellung der politischen Reaktionen auf die Islamkritik, eine historische Einordnung sowie eine partielle Herstellung der Bezugspunkte zur wissenschaftlichen Debatte. Der letztgenannte Punkt mag aus politikwissenschaftlicher Sicht vielleicht etwas zu kurz kommen. Das Buch ist jedoch, wie der Untertitel sagt, als Streitschrift zu verstehen. Als solche hebt es sich wohltuend von anderen, ebenso bezeichneten Bänden ab, die entweder ganz ohne Belege daherkommen oder aber eine Wissenschaftlichkeit vorgeben, die sich in der Realität als krude Korrelation zwischen den isoliert betrachteten Variablen Herkunft und soziale Lage erweist (Sarrazin). Die abschließend gestellte Frage, was die Islamkritik bezweckt, beantwortet Bahners indirekt: „Golo Mann hat 1961 angemerkt, dass der Antisemitismus, als er auf der Bühne der Geschichte erscheint, zunächst nicht das ist, was wir uns nach Auschwitz unter ihm vorstellen: ‚Er verlangt nicht Ausschließung, sondern völlige Angleichung und Bescheidenheit in der Angleichung; er verlangt Ausschließung nur derer, die sich nicht angleichen wollen’“ (307).
Markus Linden (LIN)
Dr., Politikwissenschaftler, wiss. Mitarbeiter, SFB 600 - Teilprojekt C7 "Die politische Repräsentation von Fremden und Armen", Universität Trier.
Rubrizierung: 2.35 Empfohlene Zitierweise: Markus Linden, Rezension zu: Patrick Bahners: Die Panikmacher. München: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/33657-die-panikmacher_40313, veröffentlicht am 08.09.2011. Buch-Nr.: 40313 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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