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Julian Nida-Rümelin / Nathalie Weidenfeld: Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren

13.10.2021
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Autorenprofil
Martin Repohl, M.A.
München, Piper 2021

Mit „Die Realität des Risikos“ wollen Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld einen „Kontrapunkt zur postmodernen, unernsten, antirealistischen, perspektivischen Sicht auf Risiko“ setzen, die nach ihrer Einschätzung in den Geistes- und Sozialwissenschaften dominiere. Dabei gerät das Buch aus Sicht unseres Rezensenten Martin Repohl aber auch zunehmend zu einer Abrechnung mit der deutschen Corona-Politik – diese Abrechnung allerdings treffe nicht den richtigen Ton und lasse ihrerseits Realitätssinn und eine hinreichende theoretische Untermauerung vermissen, befindet Repohl. (lz)

Eine Rezension von Martin Repohl 

Die globale Corona-Pandemie bestimmt seit nunmehr eineinhalb Jahren das Leben und damit auch einen Großteil der öffentlichen und politischen Debatte. Daher ist es wenig verwunderlich, dass zahlreiche Publikationen zum Thema – sei es aus Philosophie, Politikwissenschaft oder Soziologie – auch den aktuellen Sachbuchmarkt dominieren. Der gefühlte, wie auch der tatsächliche Erklärungs- und Diskussionsbedarf ist groß und Analysen sind daher umso wertvoller, wenn es ihnen gelingt,  die gegenwärtigen Geschehnisse in große gesellschaftliche und philosophische Kontexte einzuordnen. Das von dem Philosophen Julian Nida-Rümelin und seiner Partnerin Nathalie Weidenfeld publizierte Werk „Die Realität des Risikos“ reiht sich zweifelsohne in diese rege Textproduktion ein und verspricht – zumindest auf den ersten Blick – eine anregende Lektüre.

Die Argumentation der Autor*innen verfolgt einen doppelten Anspruch. Erstens soll, wie es auch der Titel bereits verdeutlicht, gezeigt werden, dass es sich bei Risiken um faktische Realitäten statt um soziale Konstrukte handelt. Folgende Position wird mit Nachdruck bezogen:

„Risiko ist kein Konstrukt der postmodernen 1990er-Jahre mehr, sondern Realität. Risiko war, genau besehen, nie ein bloßes Konstrukt, sondern immer schon Realität, aber dessen Wahrnehmung ist zweifellos kulturell und politisch imprägniert. Insofern ist dieses Buch auch als Kontrapunkt zur postmodernen, unernsten, antirealistischen, perspektivischen Sicht auf Risiko zu verstehen, wie sie nach wie vor weite Teile der Sozial- und Kulturwissenschaft prägt.“ (11)

Es wird also für ein Risikoverständnis plädiert, das die Realität von Gefährdungslagen hervorhebt. Folgerichtig werden Risiken daher als „mögliche Gefahren“ definiert, „die sich durch Handeln beeinflussen lassen“ (21 f.). Das Autorenduo bezieht damit eine Position, die durchaus interessant ist, deren Entfaltung im weiteren Argumentationsverlauf aber erhebliche Schwächen aufweist, welche durch den bereits hier angeschlagenen apodiktischen Ton zusätzlich irritieren.

Das Buch versteht sich zweitens – wie der Untertitel „Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren“ verdeutlicht – als ethische Handreichung, die insbesondere vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie Orientierung bieten will:

„Es [das Buch] versucht, Orientierung zu geben, es will zu begrifflicher und gedanklicher Klarheit beitragen und zu eigenständigem Denken anregen. Es richtet sich an alle, die an einem vertieften Verständnis interessiert sind […]. Am Ende müssen wir uns auf eine Risikopraxis verständigen, die niemanden diskriminiert und instrumentalisiert, die Individualrechte und Gerechtigkeitsprinzipen nicht verletzt, die, mit anderen Worten, für alle akzeptabel ist“ (11).

Die Argumentation des Buches ist in mehrere Abschnitte gegliedert. Begonnen wird mit einer – sehr kurzen – Einführung zu dem hier vorgeschlagenen realistischen Risikobegriff, gefolgt von einem Kapitel zum Verhältnis von Gefahren und Wahrscheinlichkeiten und ihrer Rahmung durch subjektive und gesellschaftliche Bewertungsmuster. Vertieft wird die Auseinandersetzung im folgenden Kapitel durch die Analyse mehrerer Risikoparadoxien – wie beispielsweise die Rolle von Aufmerksamkeitsökonomien sowie zeitlicher und räumlicher Verzerrung. Die Kapitel 3 bis 9 befassen sich mit moralphilosophischen, ethischen, politiktheoretischen und epistemischen Aspekten der Realität von Risiken, also mit Bereichen, in denen Julian Nida-Rümelin als Professor ein ausgewiesener Experte ist. Die hier angestellten Überlegungen werden als leicht verständliche Analyse präsentiert, in der gegenwärtige Risikobereiche wie Klimawandel und eben Corona anhand verschiedener moralphilosophischer Positionen diskutiert werden.

Ziel ist es, so zu zeigen, auf welchen Annahmen politische und gesellschaftliche Handlungsparameter beruhen, welche Konsequenzen dadurch intendiert werden und wie wichtig logische Kohärenz und empirische Fundierung für die Legitimität von politischen Maßnahmen sind. Eingeleitet werden diese Kapitel durch teils sehr lange Filmzitate, unter anderem aus „Alien“, „The Day After Tomorrow“ oder „Die Truman Show“. Diese Zitate sollen zu den teils komplexen Überlegungen hinführen und auf je ein spezifisches Problem zentrieren. Ab Kapitel 11 erfolgt dann eine Engführung des bisher Dargestellten auf die Dynamik der Corona-Krise und ihre politischen Verarbeitung in Deutschland, insbesondere im Jahre 2020. Auch erfolgt eine sich als möglichst empirisch und faktenorientiert präsentierende Analyse, die die bisherige Corona-Politik der Bundesregierung anhand der hergeleiteten Argumente als sachlich falsch, demokratisch illegitim und illiberal überraschend scharf kritisiert.

Das Autorenduo bezieht in diesen Schlusskapiteln wie auch in ihrer Herleitung eine argumentativ klare, aber in ihrer Engführung irritierende Position, die für eine aufmerksame Leserschaft teils gravierende Mängel aufweist. So wirken die im Vorangegangenen erwähnten Filmzitate deplatziert und zusammenhanglos, da sie im Haupttext kaum beziehungsweise nicht aufgegriffen und eingeordnet werden. Der Text erhält dadurch unnötige Unterbrechungen, die die gesamte Argumentation überaus additiv erscheinen lassen. Außerdem muss hier die Frage gestellt werden, warum gerade eine sich als realistische Risikotheorie bezeichnende Arbeit keine Beispiele aus der Realität nutzt, um ihre Argumentation aufzubauen.

Hauptkritikpunkt ist jedoch die Art und Weise, wie in der Arbeit argumentativ geschlossen und analysiert wird. Denn auch die Autor*innen kommen in ihren Ausführungen implizit zu der Schlussfolgerung, dass Risiken sozial konstruiert und damit gesellschaftlich kontingent sind, denn anders ließe sich keine alternative Risikopraxis einfordern. Dass sich Risiken (nicht Gefährdungen) also relativ zum gesellschaftlichen Handeln verhalten, das seinerseits kontingent, da sozial ist, ist eine Erkenntnis, die in der Einleitung nicht nur marginalisiert, sondern von Soziologen wie Ulrich Beck bereits vor 40 Jahren mit großen Nachhall vertreten wurde. Problematisch wird dieser Umstand, wenn die Autor*innen auf dieser Grundlage politische Aspekte fokussieren, ohne ihre gesellschaftliche Fundierung zu berücksichtigen. Politik kann falsch handeln, dieser Umstand ist aber zunächst einmal banal und keineswegs ademokratisch, da Politik als gesellschaftliche Institution ihrerseits kontingent, da sozial fundiert ist. Eine Kritik der Corona-Politik müsste sich also mit den gesellschaftlichen Bedingungen politischen Handelns im Rahmen objektiver Gefährdungslagen (wie die physische Existenz von SARS-CoV-2) beschäftigen, wozu eine realistische Risikoontologie durchaus beitragen kann. Dies ist jedoch ein Anspruch, den die vorliegende Skizze nicht einlösen kann und auch nicht einlösen möchte. Das ist überaus schade, auch da weitere Risikolagen wie Klimawandel und Technisierung hier allenfalls als Schlagworte fungieren.

Indem das Autorenduo die soziale Realität von Risiken ignoriert, können weder interessante Fragen noch neue Einsichten generiert werden. Vielmehr wird an empiriebasierten, moralphilosophischen Argumenten strikt festgehalten, deren Kohärenz als ausreichend angesehen wird, um das gegenwärtige politische Handeln zu kritisieren – und das, obwohl die versprochene realistische Risikoepistemologie nicht ausgearbeitet wird. Der bloße Verweis auf wissenschaftliche Fakten wirkt hier geradezu banal und sozial blind. Denn dass sich menschliches und gesellschaftliches Handeln nur bedingt an Fakten orientiert, ist wohl kaum eine Einsicht, die sich erst mit der Konjunktur von Verschwörungstheorien durchgesetzt hätte. Diese argumentativen Mängel sind deutlich, trotz der theoretischen Klarheit und Kohärenz der Argumentation. Sie erhalten zudem in der inhaltlichen Positionierung einen zusätzlich unangenehmen Beigeschmack, insbesondere in der Kritik der deutschen Corona-Politik. So finden sich mehrfach stark vereinfachende Aufzählungen wie „Drosten, Merkel und das RKI“ (133).

Wirklich problematisch ist jedoch die Schlussfolgerung der Argumentation, in der auch hier die erwarteten Grundlinien einer realistischen Risikoethik allenfalls sehr marginal präsentiert werden, diese Präsentation sich jedoch in einer Pathetik verliert, die die staatliche Corona-Politik tatsächlich in die Nähe des Nationalsozialismus rückt und auch das dem so wichtigen Holocaustgedenken vorbehaltene „Nie wieder“ (149) nicht scheut. Dieses argumentative Vorgehen ist überaus frag- und kritikwürdig, da es wichtige soziale Realitäten verkennt. Das ist umso problematischer, da die Autor*innen zu der Einschätzung kommen, dass ein evidenzbasiertes Handeln die von SARS-CoV-2 ausgehende Gefahr auf das Gefährdungsniveau einer saisonalen Grippe reduzieren könnte (139 ff.) und hier sogar ein stärkeres Infektionsrisiko von Gesunden und jungen Menschen in Kauf genommen werden müsste, da diese vermeintlich weniger durch das Virus gefährdet seien. Mutationen wie die Delta-Variante, aber auch die reale Gefahr eines Long-Covid-Syndroms (auch bei Kindern) werden nicht genannt. Und auch auf die vermeintlich unbegründete Angst, sich zu infizieren, wird nicht eingegangen, da alleiniges Argumentationsziel die Darlegung der vermeintlichen Illegitimität des staatlichen Handelns in der Pandemie ist. Es lässt sich also festhalten, dass das vorliegende Werk weit weniger realistisch ist, als es sich präsentiert, und nicht nur eine wirklich realistische – das heißt auch: eine gesellschaftliche Kontingenz berücksichtigende – Position vermissen lässt, sondern auch einen empathischen Ton, der vielleicht faktisch unnötig, aber sozial angemessen wäre. Es bleibt offen, was dieses Buch eigentlich leisten möchte. Eine belastbare realistische Risikoepistemologie und Ethik entwickelt es nicht und auch die kritische Diskussion der staatlichen Corona-Politik bleibt gesellschaftstheoretisch uninformiert und ist daher zumindest fragwürdig.

 

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