Sascha Werthes

Die Sanktionspolitik der Vereinten Nationen. Rekonstruktion und Erklärung des Wandels der UN-Sanktionspraxis

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2013 (Nomos Universitätsschriften 187); 339 S.; 59,- €; ISBN 978-3-8487-0374-6
Diss. Marburg; Begutachtung: W. von Bredow, T. Bonacker. – Sascha Werthes untersucht die genaueren Umstände, „die Bedingungen und Kontexte, die einen Wandel der Sanktionspraxis“ der Vereinten Nationen (VN) seit dem Ende des Kalten Krieges „möglich gemacht haben“ (32). Dabei beobachtet er nicht bloß einen sprunghaften Anstieg der Zahl der verhängten Sanktionen, sondern auch einen qualitativen Wandel hin zu gezielten Maßnahmen. Werthes geht es auch darum, die politischen Entscheidungsprozesse zu analysieren, die diesem Wandel zugrunde liegen. Nach einem kurzen Überblick über die theoretischen und rechtlichen Grundlagen liefert er dazu eine Rekonstruktion der Sanktionsgeschichte der VN, auf deren Grundlage er sieben „[c]harakteristisch[e] Elemente und Trends in der Evaluation der UN‑Sanktionspolitik“ (154) herausarbeitet. Nachdem er hierin zu dem Schluss gekommen ist, dass die VN generell in der Lage seien, im Rahmen der Charta auf die veränderten Umstände der internationalen politischen Umwelt zu reagieren, widmet er sich im zweiten Hauptteil der systematischen Analyse, wie dies mit Blick auf die Sanktionspraxis konkret geschieht. Hierzu greift er die Idee der VN als „organisierte Anarchie“ (208) im Sinne des Garbage Can Modells auf (von Cohen, March und Olsen 1972 ursprünglich erdacht, von Lipson 2007 bereits auf VN‑Peacekeeping angewendet). Das Zustandekommen von VN‑Sanktionen ist demnach durch problematische Präferenzen (klare Definitionen von Zielen und Problemen fehlen), unklare Technologien (gemeint sind hier unklare Regeln, Strukturen und Entscheidungsprozesse) sowie fluktuierende Partizipation (also wechselnde beteiligte Akteure und Organisationen sowie Personalfluktuation) zu erklären. Werthes ergänzt diese drei Dimensionen um das Problem der Ungewissheit: Bewertungssicherheiten für politische Situationen fehlen, es gibt „keine Erwartungsverlässlichkeit“ (212) in Bezug auf sanktionsspezifische Entscheidungen. Der von ihm durchgeführte strukturelle Vergleich setzt auf die genauere Betrachtung von unterschiedlichen „Determinanten und Dynamiken im Entscheidungsumfeld“ (214) – hierzu zählen unter anderem Probleme, Politics‑Prozesse, zeitkritische Gelegenheitsfenster und die Rolle von Policy‑Entrepreneuren – mittels Differenzierung von unterschiedlichen Analyseströmen in einem „Multiple‑Streams‑Modell“ (221). Eines seiner Ergebnisse lautet, dass es in der VN‑Sanktionspraxis nicht unbedingt auf die Qualität der Sanktionsvorschläge, sondern durchaus auf das „Zusammenspiel zwischen dem Engagement verschiedenster Policy‑Entrepreneure [...] und offenen Gelegenheitsfenstern“ (297) ankommen kann.
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Rubrizierung: 4.34.1 Empfohlene Zitierweise: Christian Patz, Rezension zu: Sascha Werthes: Die Sanktionspolitik der Vereinten Nationen. Baden-Baden: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38988-die-sanktionspolitik-der-vereinten-nationen_44862, veröffentlicht am 22.10.2015. Buch-Nr.: 44862 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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