Béatrice Ziegler / Bernhard C. Schär / Peter Gautschi / Claudia Schneider (Hrsg.)

Die Schweiz und die Schoa. Von Kontroversen zu neuen Fragen

Zürich: Chronos Verlag 2012; 173 S.; brosch., 31,- €; ISBN 978-3-0340-1107-5
Der Sammelband dokumentiert die erste Veranstaltung der Tagungsreihe „Erinnerung – Verantwortung – Zukunft“, die im März 2010 in Aarau stattfand. Im Mittelpunkt stehen Themen und Fragen im Kontext der Schoah aus schweizerischer Perspektive. Die Edition ist analog zur Tagung konzipiert und widmet sich drei inhaltlichen Aspekten: Im ersten Abschnitt geht es um widersprüchliche Vorstellungen, Emotionen und Werte, die heute in Bezug auf die Schoah in der Gesellschaft anzutreffen sind. Carsten Quesel beschäftigt sich in seinem Beitrag konkret mit der Frage, wie sich die Debatte über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg auf die politische und moralische Sozialisation von Jugendlichen ausgewirkt hat und erkennt zwei widersprüchliche Ansichten: Zum einen glaubten Schweizer und Schweizerinnen, dass das opportunistische Verhalten ihres Landes während des Zweiten Weltkriegs die Schoah begünstigte, zum anderen seien sie aber auch davon überzeugt, dass sich die Schweiz während dieser Zeit korrekt verhalten und erst im Nachhinein und von außen das Handeln der Schweiz eine negative Bewertung erhalten hat. Viele Jugendliche wählten bei der Befragung jedoch eine neutrale Mitte der Skala, die auch als Flucht in die Unverbindlichkeit gedeutet werden könne. Der zweite Teil des Bandes vereinigt Beiträge, die unterschiedliche Thematisierungs‑ und Erinnerungsstränge und ihr Vergessen darstellen. Beat Hodlers geht in seiner mikrohistorischen Analyse auf ein 1941 in Kölliken aufgeführtes Volkstheaterstück ein, das die Abweisung von jüdischen Flüchtlingen an der schweizerischen Grenze thematisierte. Auch andere Stücke des Volkstheaters waren weit weniger unpolitisch als zunächst angenommen werden könnte und transportierten – von den Zensurbehörden als vergleichsweise harmlos eingestuft – politische Kritik, die breite gesellschaftliche Kreise erreichte. Der dritte Abschnitt ist den bisher in der Schweiz wenig rezipierten Zugängen zum heutigen Umgang mit der Schoah gewidmet. So zeigt Patrick Kury, wie sich dank der Erkenntnisse aus der Psychotraumatologie ein zunehmendes Verständnis für die zerstörerischen psychischen und physischen Folgen von Verfolgung und Entrechtung entwickeln konnte.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.5 | 2.312 | 2.23 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Béatrice Ziegler / Bernhard C. Schär / Peter Gautschi / Claudia Schneider (Hrsg.): Die Schweiz und die Schoa. Zürich: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/35812-die-schweiz-und-die-schoa_43477, veröffentlicht am 08.05.2013. Buch-Nr.: 43477 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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