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Christian Wagner

Die "verhinderte" Großmacht? Die Außenpolitik der Indischen Union, 1947-1998

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2005 (Internationale Politik und Sicherheit 56); 373 S.; geb., 59,- €; ISBN 3-8329-1128-6
Habilitationsschrift Rostock. - Mit den Atomtests vom Mai 1998 hat die Indische Union ihren Anspruch untermauert, im internationalen System des 21. Jahrhunderts eine größere Rolle einzunehmen. Erst seitdem gilt Neu Delhi als Großmacht. Hingegen ist es Indien während des Kalten Krieges nicht gelungen, eine Anerkennung als Großmacht und eine Gleichrangigkeit mit der Volksrepublik China zu erreichen. Der Autor fragt nach den Gründen für dieses Defizit, an das sich eine Reihe weiterer Fragen knüpft: Warum hat die Indische Union trotz ihrer Größe im internationalen System eine vergleichsweise geringe Rolle gespielt? Warum wird Indien seit Jahren als Regionalmacht oder bestenfalls als aufsteigende Mittelmacht gesehen, obwohl das Selbstverständnis seiner politischen Führung stets von einem quasi-natürlichen Großmachtstatus des Landes ausging? Und warum hat das Land während des Ost-West-Konfliktes nie eine solche internationale Anerkennung erfahren wie China, obgleich Indien doch in den 50er- und 60er-Jahren als das zukunftsträchtigere Entwicklungsmodell galt? Dieses Scheitern der indischen Außenpolitik, nach der Unabhängigkeit einen Status als Großmacht zu erlangen, der den internationalen Ambitionen der politischen Führung entsprach, lässt sich laut Wagner durch eine Reihe von innenpolitischen Konstellationen sowie die bi- und multilateralen Beziehungen im regionalen und internationalen Kontext erklären, vor allem aber durch ideelle Faktoren und Prozesse der Eigen- und Fremdzuweisung, nämlich „der Interaktion, der historischen Erfahrung und den damit verbundenen Lern- und Anpassungsprozessen auf Seiten der Akteure“ (329). Erst die neuen internationalen Konstellationen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wie die Annäherung an die USA und China sowie die wirtschaftspolitische Liberalisierung im Innern haben der Indischen Union nach 1991 zu einer neuen internationalen Aufmerksamkeit verholfen und den Großmachtanspruch des Landes trotz seiner ablehnenden Haltung zum Atomwaffensperrvertrag gestärkt.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 4.22 | 2.68 | 4.41 Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Christian Wagner: Die "verhinderte" Großmacht? Baden-Baden: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/24015-die-verhinderte-grossmacht_27636, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 27636 Rezension drucken