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Thomas Schwinn

Differenzierung ohne Gesellschaft. Umstellung eines soziologischen Konzepts

Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2001; 480 S.; geb., 50,62 €; ISBN 3-934730-36-1
Habilitationsschrift Heidelberg. - Die gegenwärtige Makrosoziologie interpretiert Entwicklungsprozesse moderner Gesellschaften auf der Basis von theoretischen Prämissen, die sich mehr oder minder deutlich am Modell funktionaler Differenzierung orientieren. Dieses Konzept - systematisch erstmals von Parsons entworfen und dann von Luhmann in eine für die heutige Sozialwissenschaft nahezu kanonisch zu nennende Form weiterentwickelt - wird in neueren differenzierungstheoretischen Ansätzen mit akteur- beziehungsweise handlungstheoretischen Argumentationen ergänzt. Dagegen verfolgt Schwinn mit seiner groß angelegten Studie die Absicht, das "Differenzierungsthema[...] von der bisher dominant systemtheoretischen auf eine akteurtheoretische Basis" umzustellen (11). Diese ausdrückliche Abkehr von der systemtheoretischen Differenzierungskonzeption hält der Autor für erforderlich, weil "funktionale Differenzierung" einen systematisch ungeklärten Bezug auf das Gesellschaftssystem enthält: "Bis heute ist es jedoch nicht gelungen, dem Bestandsproblem sozialer Systeme und den daraus sich ergebenden funktionalen Erfordernissen, an denen sich die Differenzierungslinien kristallisieren sollen, eine zufriedenstellende Fassung zu geben." (26) Diesen zentralen Einwand entfaltet Schwinn im ersten Teil an prominenten, das heutige Spektrum differenzierungstheoretischer Ansätze abbildenden Positionen (Luhmann, Münch, Neofunktionalismus, Habermas). Die alternative, handlungstheoretische Fassung des Differenzierungsthemas gewinnt der Autor durch eine - von Wolfgang Schluchter inspirierte - Interpretation der Beziehung von Wertsphären und Lebensordnungen in Webers "Zwischenbetrachtung" (153 ff.). Darauf aufbauend entwerfen die folgenden beiden Teile Antworten auf die zwei differenzierungstheoretischen Kernprobleme: in historisch-kausaler Perspektive als Frage nach den Ursachen von Differenzierung, in zeitdiagnostischer Perspektive als Frage nach den Möglichkeiten einer Integration der differenten Handlungssphären. Der Schluss ist ebenso Resümee wie ein beeindruckendes programmatisches Plädoyer für eine Soziologie, die - jenseits des Artefakts eines singulären "Gesellschaftssystems" - gesellschaftliche Differenzierungen durch Rekurs auf kulturelle Ideen und deren Bedeutung für das Handeln von Individuen und Gruppen erklären will. Inhaltsübersicht: 1. Auf der Suche nach dem Gesellschaftsbegriff; 2. Wertsphären, Lebensordnungen und Lebensmächte. Zur Soziologie der "Zwischenbetrachtung"; 3. Die Dynamik von Differenzierungsmustern; 4. Aspekte der Integration moderner Ordnungen.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Thomas Schwinn: Differenzierung ohne Gesellschaft. Weilerswist: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/14919-differenzierung-ohne-gesellschaft_16926, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 16926 Rezension drucken