Karsten Rudolph / Werner Wobbe (Hrsg.)

Eurobrüssel von innen. Einsichten und Aussichten

Bochum/Freiburg: Projekt Verlag 2014; 251 S.; 17,80 €; ISBN 978-3-89733-333-8
Das eigentliche Anliegen dieses Sammelbandes, den Fokus auf einen „grauen Bereich der europäischen Öffentlichkeit, nämlich den der großen technischen Arbeits‑ und Entscheidungsmaschinerie“ zu richten, ist ehrenwert. Die Herausgeber wollen dabei „erstmals diejenigen zu Wort“ kommen lassen, über die alle reden, die aber selbst über ihr Tun eher schweigen“ (9). Bereits in dieser Aussage wird das Problem des gesamten Bandes umrissen: Diejenigen, die für die europäischen Institutionen (als Beamte) arbeiten, sind zu Loyalität und einem gewissen Europaenthusiasmus verpflichtet. Eine ehrliche und kritische Reflexion kann deshalb von den Einzelbeiträgen kaum erwartet werden. Da die Herausgeber noch dazu offenbar auf strukturierende editorische Vorgaben verzichtet haben, kommen die Aufsätze oft über ein anekdotisch‑appellatives Stadium nicht hinaus. Gerade diese „subjektive Färbung“ (10) war offenbar erwünscht. Ob sich aus einer solchen Zusammenstellung individueller Erfahrungsberichte tatsächlich „zahlreiche Ansatzpunkte für eine Neubegründung der europäischen Ideen und deren Umsetzung finden“ (12) lassen, sei dahingestellt. Auf sicherlich ungewollte Art und Weise ist der Beitrag von Rolf‑Dieter Krause, Leiter des ARD‑Studios in Brüssel, erhellend. Denn vor allem seine zum Teil stereotypen Äußerungen zur gegenwärtigen Krise der EU bestätigen implizit die vielfach anzutreffende Kritik, dass die Berichterstattung der öffentlich‑rechtlichen Fernsehanstalten immer tendenziöser wird. Aus seiner Sicht stellt vor allem die verfehlte Wirtschafts‑ und Lohnpolitik in den Krisenstaaten einen zentralen Grund für die Eurokrise dar. Dieser müsse nun durch gesellschaftliche „Ownership“ begegnet werden: „Ownership bedeutet vor allem die Einsicht, dass man Fehler gemacht hat, die es nun zu korrigieren gilt, dass – nachdem man es sich zuvor unangemessen gut hat gehen lassen – nun eine Anstrengung nötig ist, wie beim Wiederaufbau nach einem verlorenen Krieg“ (243). Warum daneben auch noch Praktikanten und Pfarrer aus ihrer Tätigkeit in Brüssel berichten müssen, erschließt sich bei der Lektüre dieses Bandes nicht ganz. Aber vielleicht tangiert dieser Punkt auch die Frage der Zielgruppe: Die wissenschaftliche Community soll mit diesem Sammelband offenbar nicht angesprochen werden. Fragt sich nur, ob verunsicherte Bürgerinnen und Bürger mit „Weiter‑so“‑ oder „Jetzt‑erst‑Recht“‑Beiträgen wirklich von der Idee Europa überzeugt werden können.
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Rubrizierung: 3.1 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Karsten Rudolph / Werner Wobbe (Hrsg.): Eurobrüssel von innen. Bochum/Freiburg: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38088-eurobruessel-von-innen_45940, veröffentlicht am 19.02.2015. Buch-Nr.: 45940 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken

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