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Matthias Kleffner / Heike Meisner (Hrsg.): Fehlender Mindestabstand. Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde

19.10.2021
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Autorenprofil
Vincent Wolff, M.P.P.
Freiburg i. B., Herder 2021
„Ökolatschen neben Springerstiefeln“, so beschreibt Josef Schuster im Vorwort zu „Fehlender Mindestabstand“ die eigentümliche soziale und politische Zusammensetzung der gegen die Corona-Schutzmaßnahmen Demonstrierenden. Gerade weil die radikalen Gegner*innen der Corona-Maßnahmen so heterogen sind, versucht der von Heike Kleffner und Matthias Meisner herausgegebene Sammelband ihre Organisationsformen, Überzeugungen und Feindbilder näher zu beleuchten. Aus Sicht unseres Rezensenten Vincent Wolff ist dabei ein „spannendes Zeitzeugen-Dokument“ herausgekommen, dem es aber an innerem Zusammenhalt mangele. (lz)

Eine Rezension von Vincent Wolff

„Bei den Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen kommt eine Mischung zusammen, wie man sie in dieser Form noch nicht kannte: Rechtsextremisten neben linken Impfgegnern, Esoteriker neben christlichen Gruppen, Ökolatschen neben Springerstiefeln“ (9), fasst Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, das Problem in seinem Geleitwort zusammen. Der Sammelband von Heike Kleffner und Matthias Meisner versucht, die Gruppe der lautstarken Gegner*innen der Corona-Schutzmaßnahmen in all ihren Schattierungen sichtbar zu machen.

So gliedert sich der erste Abschnitt des Buches durchaus kohärent in Schlaglichter, die das Problem in seiner auch regionalen Vielfalt aufzeigen, sowohl in Deutschland wie auch darüber hinaus. Anschließend widmen sich Expert*innen den verschiedenen ideologischen Hintergründen der Corona-Leugner*innen, mehrere Autor*innen zeigen das Netzwerk der Akteur*innen auf, weitere Beiträge konzentrieren sich auf die Gruppen, die mittelbar und unmittelbar angegriffen werden. Abschließend werden in aller Kürze die dadurch entstehenden Fragen an Gesellschaft und Politik aufgeworfen. Was das konkret bedeutet, macht Josef Schuster bereits zum Auftakt klar: Alle sind gefordert, sich den antidemokratischen Tendenzen aus der Gruppe der Corona-Leugner*innen entgegenzustellen. Dabei sollte auch nie vergessen werden: „Die Coronaleugner und Rechtsextremisten sind eine Minderheit“ (11).

„Wie erreichen wir Menschen, die die Realität leugnen und sich querstellen, die mit ihrem Verhalten sich und andere gefährden? [… Wir] unternehmen […] den Versuch, diese Frage zu beantworten“ (15), erläutern Kleffner und Meisner die Motivation für das Buch. Die folgenden Einzelbeiträge ermöglichen in der Tat sehr tiefe Einblicke in die Dynamiken der Bewegung und ihre unterschiedlichen Beweggründe. So stellt Dietrich Krauss klar, dass die anthroposophische Bewegung in Baden-Württemberg ein wichtiger Grund für den Erfolg der Coronaleugner*innen sei: „Die weitaus stärkste Fraktion der Impfgegner bildete die Lebensreformbewegung“ (33), die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert nahm. Heute zeichne sich eine historische Parallele ab: „[D]ie okkulte Lehre Rudolf Steiners ist direkt aus der Bewegung der Lebensreformer hervorgegangen und verspricht bis heute ihrer Kundschaft eine andere, irgendwie natürlichere Lebensweise“ (34). Das hat konkrete Konsequenzen: In Baden-Württemberg waren zwischen 2014 und 2017 rund 30 Prozent der Kinder an Waldorfschulen gar nicht geimpft, verglichen mit nur 5 Prozent an staatlichen Schulen.

Die Teilnehmer*innen der Corona-Demonstrationen unterschieden sich in vielem, spannend seien aber die Gemeinsamkeiten, so Felix Balandat, Nikolai Schreiter und Annette Seidel-Arpaci: „Antisemitismus ist der Kitt, der unterschiedlichste Akteure und Akteurinnen zusammenbringt“ (102). Für die Corona-Leugner*innen sei die Pandemie keine Zumutung, sondern „vielmehr ein Werkzeug in einem größeren Plan, das von einer bösen Elite eingesetzt werde, um deren finstere Ziele durchzusetzen“ (102). Die Autor*innen machen klar: Das ist eine Unfähigkeit und Unwilligkeit zu abstraktem Denken und mündet aus ihrer Sicht in einem Mangel an konkreter Empathie.

Pia Lamberty und Katharina Nocun betonen in ihrem Beitrag: Corona-Leugner*innen, das seien keine harmlosen Spinner, sondern Menschen, von denen eine starke Gefahr ausgehe. Das Schmerzhafte an den Protesten sei aber auch die Tatsache, so Ralf Fücks, dass die Corona-Demonstrationen zu den größten Protestbewegungen der vergangenen Jahre gehören. Matthias Quent und Christoph Richter fragen sich, wie Ost und West in den Protesten zusammenkommen. Ideologisch gäbe es eine gemeinsame Schnittmenge von Heterodoxie, Entsolidarisierung, Mythen, Populismus, Antisemitismus und Sozialdarwinismus – kurz HEMPAS. „All das macht plausibel, diese Proteste als Bewegungen strukturell der antimodernen Rechten zuzuordnen, auch wenn viele Teilnehmende aus lebensweltlich alternativen Milieus stammen und bisher vermutlich nie eine Rechtsaußenpartei gewählt haben“ (293 f.).

Michael Blume sieht zudem im Querdenken „eher ein Geschäftsmodell und weniger eine aktivistische Bewegung“ (127). In der Analyse der unterschiedlichen Gruppen sticht Arnd Henzes Betrachtung der christlichen Gruppen hervor. Besonders dort gäbe es „eine Anfälligkeit für den fehlenden Mindestabstand nach rechts offenen Protestbewegungen (und das) nicht nur in konservativ-evangelikalen, sondern auch in manchen linksliberalen kirchlichen Milieus“ (143). Das deute auf ein Problem in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hin: „Was fehlt, ist eine gelebte und streitbare Erinnerungskultur, die sich nicht nur der zynischen Vereinnahmung von rechts, sondern auch der gefühligen Trivialisierung und Nivellierung historischer Widerstandserfahrungen entgegenstellt“ (147).

Andreas Wulf zeigt allerdings auch etwas Positives an der gegenwärtigen Protestbewegung auf und zieht Parallelen zur AIDS-Debatte und zu den politischen Kämpfen der 1980er-Jahre. Damals sei es gelungen, mit globaler Solidarität und internationalen Kampagnen das Patentregime der Pharmaproduktion in die Kritik zu bringen. Ähnliches müsse auch jetzt Ziel eines progressiven Unterfanges sein. Dazu gehöre auch Kritik an der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung als „Symptom einer globalen Gesundheitsarchitektur, die sich dem neoliberalen Modell verschrieben hat“ (331). Nötig seien jetzt strukturelle Veränderungen durch einen Technologietransfer und die Veröffentlichung des essenziellen Gesundheitswissens. Besondere Erwähnung sollte noch der literarisch hochwertige Beitrag von Jaroslav Rudiš finden, der anhand eines Telefongesprächs mit einem Freund aus einer tschechischen Kleinstadt das Problem der Corona-Leugner*innen sympathisch und eindrucksvoll skizziert.

Insgesamt ist somit ein spannendes Zeitzeugen-Dokument entstanden. Die große Anzahl an unterschiedlichen Beiträgen des Bandes erschwert allerdings den Lesefluss. Ein roter Faden ist schwer zu finden. Auch die Auswahl der Autor*innen und Verfasser*innen überrascht. So finden sich erfahrene Forscher*innen neben politischen Aktivist*innen. Man wird den Eindruck nicht los, dass Matthias Meisner vor allem sein eigenes Twitter-Umfeld nach Input gefragt hat. Nichtsdestotrotz deckt der Sammelband ein breites und facettenreiches Problem umfassend ab und liefert zahlreiche methodische und systemische Ansätze, auf die weiter aufgebaut werden kann. Das Buch ist somit ein wichtiger Beitrag zur immer noch aktuellen Debatte um Impfverweigerer und Corona-Leugnerinnen.

 

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Externe Veröffentlichungen

Winfried Wolf / 22.042020

Die Argumente der Coronaleugner

Kontext: Wochenzeitung

 

Timo Bücher / 14.04.2021

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Werner Rätz / 09.05.2021

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