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Till Kössler / Alexander J. Schwitanski (Hrsg.)

Frieden lernen. Friedenpädagogik und Erziehung im 20. Jahrhundert

Essen: Klartext 2014 (Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung 20); 288 S.; 19,95 €; ISBN 978-3-8375-0946-5
Wer den Frieden will, bereite den Frieden vor. Friedenspädagogik und ‑erziehung gelten dem Zweck, den Frieden lernbar zu machen. Vor diesem Hintergrund fragen Till Kössler und Alexander J. Schwitanski, „welche Rolle Bildung und Erziehung in dem epochalen Wandel gespielt haben, der seit 1945 zu einer Abwertung des Militärischen und der Durchsetzung von Frieden als wesentlichem Referenzpunkt staatlichen und gesellschaftlichen Handelns führte.“ (10) Mit Rücksicht auf die Vielfalt der möglichen geschichtswissenschaftlichen Perspektiven auf dieses Thema plädieren die Herausgeber für eine historische Kontextualisierung des Untersuchungsgegenstandes, die auch das Erfassen der Widersprüche und Ambivalenzen der Bemühungen, Frieden durch Erziehung zu erreichen, ermöglichen soll. Dieser Ansatz ist mit Blick auf die von Till Kössler in seinem Eingangsbeitrag für die jüngere Zeit festgestellte „historische wie konzeptionelle Auflockerung des Gegensatzes von Friedenserziehung und Gewalt“ (37) sinnvoll, da so viele der Untiefen der definitorischen Abgrenzung umschifft werden können. Der Band folgt einer klaren chronologischen Gliederung (Kaiserreich, die Zeit seit dem Ersten Weltkrieg, Kalter Krieg). Andrew Donson zeigt in seinem Beitrag zur Rolle der Friedenserziehung vor und während des Ersten Weltkriegs, dass es „[v]on vereinzelten Bemühungen weniger Erzieher abgesehen [...] keine nennenswerte Friedenserziehung an deutschen Schulen“ (107) gab. Ganz im Gegenteil dominierte die Erziehung zum Krieg, verbunden mit der Lehre vom Siegfrieden als alternativlosen Ausgang eines Großkonflikts. Wie es nach dem Zweiten Weltkrieg dann zu einer „stillen Revolution“ (206) im Sinne einer „Abkehr von der tradierten Kriegsmetaphysik“ (204) in Deutschland kam, untersucht Wolfram Wette. Für ihn entstand in Deutschland erst seit den frühen 1970er‑Jahren eine eigenständige (Herrschafts‑)kritische Friedenspädagogik, da die im Sinne des grundgesetzlichen Auftrags der Friedenswahrung orientierte friedenspädagogische Bildung erst hier „auf gesellschaftlichen und politische Widerstand stieß, in dem sie den Frieden, der auf atomarer Abschreckung beruhte, als unzureichend kritisierte“ (210). Insgesamt liefert der Sammelband, der auf der Jahrestagung des Arbeitskreises Historische Friedensforschung im Jahr 2011 beruht, eine multiperspektivische Analyse der historischen Entwicklung sowie der Ziele, Konzepte und Praktiken der Friedenserziehung, die ein differenzierteres Bild dessen ergeben, was die Herausgeber zutreffend als einen „der Basisprozesse der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ (10) bezeichnen.
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Rubrizierung: 4.41 | 2.61 | 2.31 Empfohlene Zitierweise: Christian Patz, Rezension zu: Till Kössler / Alexander J. Schwitanski (Hrsg.): Frieden lernen. Essen: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/38488-frieden-lernen_46511, veröffentlicht am 04.06.2015. Buch-Nr.: 46511 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken