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Sir Peter Ustinov Institut (Hrsg.)

Fundamentalismus. Aktuelle Phänomene in Religion, Gesellschaft und Politik

Wien: Braumüller 2011 (Studienreihe Konfliktforschung 26); 159 S.; kart., 22,90 €; ISBN 978-3-7003-1771-5
In diesem Band wird das Phänomen des Fundamentalismus in seinen vielschichtigen religiösen und säkularen Ausprägungen beleuchtet. Nach Ansicht der Herausgeber dient der Begriff in der politischen Debatte häufig als abwertendes Schlagwort, das erst im jeweiligen Kontext inhaltlich zu bestimmen ist. Daher sind die ersten drei Beiträge der Frage nach einer begrifflichen Annäherung gewidmet. Wolfgang Benz, Hans‑Gerd Jaschke und Harald Schmid erläutern jeweils, dass die theoretische Definition des Fundamentalismus ihre Wurzeln im amerikanischen Protestantismus Ende des 19. Jahrhunderts hat und arbeiten dann anhand anderer Varianten dieses Phänomens die Grundmuster des fundamentalistischen Protests heraus. Auch wenn sich dadurch Wiederholungen nicht vermeiden lassen, machen die Autoren auf unterschiedliche Zusammenhänge aufmerksam. So hebt Benz den autoritären Patriarchalismus als ein „Wesenselement von Fundamentalismus“ (12) hervor, das unter anderem dazu führt, „dass Frauen sich für etwas engagieren, das im westlichen Verständnis gegen ihre Emanzipation gerichtet ist“ (13). Jaschke sieht fundamentalistische Strömungen von Migranten in Europa als Reaktion auf ein als ablehnend empfundenes Lebensumfeld und damit als hausgemachtes Problem. Schmid verweist auf das dialektische Verhältnis von Fortschritt und Fundamentalismus, der „als politisches Schlagwort Teil der Konstruktion des Anderen“ (44) ist. Gemeinsam ist den Autoren ein Verständnis von Fundamentalismus als rückwärtsgewandter, quasi‑religiöser und gewaltaffiner Protest gegen Teile der Moderne. In den weiteren Beiträgen werden konkrete Spielarten und Arenen des Fundamentalismus analysiert. Beispielsweise deutet Kai Hafez die Koranverbrennung des evangelikalen Pastors Terry Jones in Florida zum neunten Jahrestag von 9/11 als fundamentalistische Aktion und ordnet sie in den Kontext islamophober Politik in den USA und Europa ein. Josef Berghold legt den „fundamentalistischen Kern des ‚Neoliberalismus’“ offen. Dieser ziele auf eine „radikale ‚Befreiung der Marktkräfte‘“ und könne, so Berghold, in seinem Unfehlbarkeitsanspruch den religiösen oder esoterischen Formen des Fundamentalismus „mühelos das Wasser reichen“ (137). Anton Pelinka erörtert die Frage, wie demokratisch verfasste Gesellschaften mit fundamentalistischen Bewegungen umgehen sollten, warnt aber zugleich: „Nicht alles, was wir ablehnen, ist Fundamentalismus“ (127). Dazu, diesen in seinen Charakteristika, Motiven und Ausprägungen besser verstehen und einordnen zu können, trägt der Band bei.
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Rubrizierung: 2.252.232.22 Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Sir Peter Ustinov Institut (Hrsg.): Fundamentalismus. Wien: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, http://pw-portal.de/rezension/37979-fundamentalismus_43662, veröffentlicht am 22.01.2015. Buch-Nr.: 43662 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken